Wiener Blut

36 packende True Crime Stories in einem Sammelband, das ist das Werk „Verbrechen in Wien“ von Harald Seyrl und Max Edelbacher, herausgegeben vom Elsengold Verlag. Der Historiker und der ehemalige Chef des Sicherheitsbüros erzählen von historischen Kriminalfällen und luden im Dezember zur großen Buchpräsentation ins Wiener Kriminalmuseum.

1904 – Magdalenenstraße Mariahilf: Ein geöffnetes Fenster eines Mehrparteienhauses, ein wallender Vorhang in einer kalten Herbstnacht und ein penetranter Geruch erwecken Misstrauen. In der Wohnung unter dem Diwan: ausgetretene schwarze Flüssigkeit und ein Jutebeutel mit Leichenteilen. Die Täter längst über alle Berge. Dies beschreibt nur den Beginn einer von über 30 Kriminalgeschichten, die die beiden Autoren Harald Seyrl und Max Edelbacher zusammengetragen haben.

Für ihre Recherche und die Auswahl der spektakulärsten Fälle des 20. Jahrhunderts wühlten sich die Experten durch tausende von Akten im Archiv des Kriminalmuseums. Polizeiliche Schriftstücke und Gerichtsdokumente legten den Grundstein der Aufbereitung und geben tiefe Einblicke in die mörderische Vergangenheit einer Weltstadt. „So ein Buch zu schreiben, erfordert große Sensibilität“ betont Seyrl am Präsentationsabend, dem 12. Dezember, in einem kleinen Seitenstüberl des Museums. Der Saal ist gut gefüllt, einige müssen sogar stehen, um den Worten zum neuen Buch lauschen zu können. Das „blutige“ Werk auf stößt auf großes Interesse – nicht nur bei den vielen PolizistInnen im Raum, wie man durch die Gespräche vernehmen konnte, sondern auch bei einigen Laien.

Max Edelbacher und Harald Seyrl bei der offiziellen Buchpräsentation. Copyright: Madeleine Geosits.

Gräueltaten als Spiegel der Zeit 

„Verbrechensgeschichte ist Sozialgeschichte und eröffnet einen ganz anderen Blick auf unsere Vergangenheit,“ erwähnt Dirk Palm vom Elsengoldverlag eingangs. Dieser Teil unserer Historie stellt für den Museumsinhaber Seyrl einen Abschnitt unserer Kulturgeschichte dar und kann als epochaler Spiegel unserer Gesellschaft angesehen werden. In „Verbrechen in Wien“ findet jede Zeit durch Schilderung realer Mordfälle ihre Charakterisierung.


Der Mord von Heinrich und Franziska Klein an Herrn Sykora aus dem Jahr 1904 ist beispielhaft für die grenzüberschreitende Polizeiarbeit und bietet  bisher unbekannte Einblicke in die Wiener Gesellschaft von der endenden Monarchie bis kurz vor der Jahrtausendwende.  Bereits 20 Jahre vor der Gründung von Interpol in Wien gelang es einem internationalen Team, das Täterduo in Paris ausfindig zu machen und zu verhaften. Motiv der Bluttat: der Raub von Kronen und Wertpapieren des ermordeten 71-Jährigen.

Ein kurzer Blick ins Buch. Copyright: Madeleine Geosits.

Die Akte Jack Unterweger

Auch der berühmte Fall Jack Unterweger nimmt in der Publikation seinen Platz ein und gilt als krimineller Höhepunkt eines Jahrhunderts voller Morbidität. Insgesamt elf Prostituierte fielen dem Steirer zum Opfer. Unterweger ermordete alle Frauen auf dieselbe Art und Weise: die Unterwäsche der Opfer wurde zu einem Knoten gebunden, mit dem die Frauen anschließend stranguliert wurden. Die besondere Herausforderung an diesem Fall schildert Edelbacher, damals Chef des Sicherheitsbüros in Wien, in der Vorgehensweise der Ermittlungen, da sich einige Morde nicht nur in verschiedenen Städten, sondern sogar auf zwei unterschiedlichen Kontinenten zugetragen haben. Jack Unterweger wurde im Juni 1994 wegen neunfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. In zwei Fällen reichte die Beweislage nicht für einen Schuldspruch. Durch seinen Suizid in der darauffolgenden Nacht ist das Urteil nie in Kraft getreten. Im Rückblick auf seine jahrelangen Polizeiarbeit betont Edelbacher, dass ihn der Beruf sehr geprägt habe und die Arbeit der Polizei nicht nur darin bestehe, den Schuldigen zu überführen, sondern auch die Unschuld zu beweisen: „Man bekommt die Möglichkeit in die Seele der Menschen hineinzublicken.“ 

Kriminalmuseum: Das Verbrechen im Fadenkreuz

Im Anschluss an die Buchpräsentation bekamen die BesucherInnen die Möglichkeit, in einer umfassenden Führung durch das Kriminalmuseum in die Geschichte des Polizei- und Justizwesens tiefer einzutauchen. In den vielen kleinen Räumlichkeiten und einem verwinkelten Keller finden sich auch einige Details zu den Kriminalfällen des Sammelwerks wieder. Ein umfangreiches Potpourri aus Schautafeln, Totenköpfen und Foltergeräten veranschaulicht die dunkle Seite der österreichischen Bundeshauptstadt. Der Inhaber Seyrl bekundet, das Interesse gehe über die Grenzen Wiens hinaus. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, hat täglich außer Montags im zweiten Wiener Gemeindebezirk die Chance dazu.

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„Verbrechen in Wien“ – erhältlich zum Preis von 25,00 Euro.

Kriminalmuseum:

Täglich geöffnet außer Montag.

Eintritt: 8 Euro.