Endlich fremde Tagebücher lesen

Diddl-Bücher, Fremdscham und hemmungsloses Lachen. Beim TAGebuch-Slam in Wien treten vier Menschen mit eigenen Tagebucheinträgen aus ihrer Jugend gegeneinander an. Einmal pro Monat liefern sich die Teilnehmer*innen im Theater an der Gumpendorferstraße im 6. Bezirk einen Kampf der Peinlichkeiten. 

Alte Tagebücher, altes Geld: Die Veranstalterin Diana Köhle mit dem symbolischen Hauptpreis von 1000 Schilling. © Max Herbst

Der TAGebuch-Slam ist kein gewöhnlicher Poetry-Slam, denn hier werden die intimsten Gedanken des vergangenen Ichs enthüllt. Nach jeder Runde entscheidet der Applaus des Publikums, wer weiterkommt. Die Gewinnerin bekommt, passend zur Tagebuch-Nostalgie, einen Preis im Wert von 1000 Schilling. Das sind meistens Gutscheine von Buchhandlungen, Kinos und Zeitschriften. Der zweite Platz bekommt auch einen Gutschein und die letzten beiden ein neues Tagebuch.

Zu den oft ähnlichen pubertären Problemen in den verschiedenen Tagebüchern, meint Diana Köhle, die Gründerin, Organisatorin und Moderatorin des TAGebuch, „hätten wir das damals schon gewusst, wäre die Pubertät leichter gewesen.“ Teilnehmen kann man auch mit Tagebüchern, die nicht aus der Teenie-Zeit stammen. Köhle merkt hierzu allerdings an, dass die pubertären Geschichten meistens am besten ankommen: „Sex sells! Umso peinlicher, umso mehr Fremdscham, umso lauter wird das Publikum.“ 

Die einzigen Bedingungen: Die Einträge müssen älter als fünf Jahre sein und dürfen pro Location  nur einmal vorgetragen werden. Die zeitliche Bedingung begründet die Veranstalterin vor allem mit dem „Abstand“, den man dadurch zum Geschriebenen hat. „Es ist wichtig, dass man über sich selbst schmunzeln kann”, sagt sie. 

Beim Slam lesen vier Personen jeweils zwei Beiträge aus ihren alten Tagebüchern vor. Es gibt zwei Runden und das Finale. Pro Runde wird ein Text vorgelesen und sobald die Zeit abgelaufen ist, entscheidet das Publikum mittels Applaus, wer weiterkommt.

„Eine b`soffene G`schicht”

Begonnen hat der TAGebuch-Slam im April 2013 im Brut in Wien mit dem Slam P.anoptikum. Bei jedem Slam gab es ein anderes Thema. Diese reichten von Dialekt-Slams und Generationen-Slams bis hin zu TAGebüchern. Der Abend war so erfolgreich, dass Köhler das Konzept bis heute, mittlerweile im TAG, weiterführt.  Anfangs eigentlich nur, wie sie sagt, „eine b`soffene G`schicht”, ist der TAGebuch-Slam mittlerweile schon weit gekommen. Seit 2015 veranstaltet die Gründerin den Slam auch in einigen Bundesländern. 2014 lief „Liebes Tagebuch,…” in DIE.NACHT auf ORF 1 und 2017 brachte Köhler „Das Beste aus 4 Jahren Tagebuch Slam“ als Buch im Holzbaum-Verlag heraus. 

Bei diesen vielen Tagebuch-Abenden gab es auch schon das eine oder andere Highlight, wie ein Heiratsantrag auf der Bühne oder ein Slam zwischen Mutter, Tochter und Schwiegertochter.

2017 brachte Diana Köhle ein Buch im Holzbaum-Verlag heraus, in welchem die besten Zitate aus 4 Jahren TAGebuch-Slam gesammelt sind. © Max Herbst

„Christian mit zwei Herzen”

Diana Köhle leitet die TAGebuch-Abende. Ihr Part ist es, „den Saal am Anfang aufzuheizen“. Aus ihrem eigenen Tagebuch hat sie schon so oft vorgelesen, dass sie mittlerweile auf Zitate von früheren Teilnehmer*innen zurückgreifen muss. „Jeder kennt schon den Christian mit zwei Herzen”, sagt sie in Bezug auf ihren Teenieschwarm Christian.

Köhle veranstaltet die TAGebuch-Slams nicht nur, sondern moderiert sie auch. Bevor die Teilnehmer*innen beginnen, heizt sei das Publikum mit Zitaten der vergangen Slams auf. © Max Herbst

Sie selbst hat vor allem als Teenagerin viel Tagebuch geschrieben. Denn „das Leben war hart in den Bergen” von Tirol, wo sie aufgewachsen ist. Mit dem Umzug nach Innsbruck und schließlich nach Wien hörte sie auf, Tagebuch zu schreiben. 

Während ihrem Studium in Innsbruck, kam sie durch ihren Bruder zum Poetry-Slam. Als sie nach Wien zog und es keinen regelmäßigen Poetry-Slam gab, beschloss sie kurzerhand einen im Hinterzimmer des Café Europa zu initiieren. Selbst vorgetragen hat sie allerdings nie. Ihre Begründung: „Ich schreibe nicht, aber ich habe Tagebuch geschrieben.” Nach Jahren las sie sich durch ihre alten Tagebücher und fand sie teils so lustig, dass sie sich dachte, dass es auch anderen so gehen müsse. Daraufhin veranstaltete sie den ersten TAGebuch-Slam. Rückblickend hätte sie sich „nie gedacht, dass Tagebuch mal so mein Leben beherrscht.” Mittlerweile schreibt sie wieder Tagebuch, aus diesem wird aber erstmal nicht vorgelesen.

Die Einbände der Tagebücher wechseln von Generation zu Generation, meint die Gründerin Köhle. In ihrer Jugend waren es vorwiegend Diddl-Bücher. © Max Herbst

Kloschlange als Rekrutierungsort

Das schwierigste für die Veranstalterin ist es, Teilnehmer*innen zu finden. Immer wieder springen Vorleser*innen kurzfristig ab und manchmal fehlt bis zur letzten Sekunde eine vierte Person. „In der Kloschlange rede ich nicht übers Wetter”, stattdessen fragt Köhle lieber, ob jemand Tagebuch schreibe. Am Anfang jeder TAGebuch-Show stellt sie die Frage, wer aus dem Publikum denn Tagebuch geschrieben hat. Meistens sind das zwei Drittel der Zuschauer*innen. Darunter aber viele, die ihr Tagebuch vernichtet oder verloren haben. Am Schwierigsten sei es vor allem Männer fürs Vorlesen zu begeistern. Bei den bisherigen Shows war nicht einmal ein Sechstel der Vorleser*innen Männer.

Nach den vielen Liebeserklärungen, geäußerten Kränkungen und sexuellen Fantasien wirft Köhle in den Raum: „Und jetzt, überlegt mal, was über euch in Tagebüchern steht!” 

Infos:

  • Allgemeine Infos:

https://www.liebestagebuch.at/

  • Nächste Termine:

Der nächste TAGebuch-Slam findet am 15. März im TAG. Special: Es werden Tagebücher von anderen vorgelesen.

Alle weiteren Termine, auch für die Bundesländer, sind hier zu finden: https://www.liebestagebuch.at/termine

  • Ticketpreis:

Vorverkauf/Abendkassa/Online: 11 Euro

Ermäßigt* Vorverkauf/Abendkassa (Online nicht möglich): 9 Euro

*Studierende bis 27 Jahre, SchülerInnen, Lehrlinge, Präsenz- und Zivildiener.

  • Teilnehmer*innen:

Bei diana@liebestagebuch.at anmelden