Piste Kitzsteinhorn/Kaprun

Das Ski-Imperium schlägt zurück

Der Mythos der rot-weiß-roten Ski-Nation bröckelt. Immer weniger Österreicher schnallen die Ski an. Die neue Regierung steuert dagegen: Eine Rückkehr der verpflichtenden Wintersportwoche für Schüler ist geplant.

Die schnellsten Männer auf zwei Brettern starten am Freitag ins Hahnenkamm-Wochenende in Kitzbühel. Im Vorjahr erlebten 94.500 Fans das Spektakel live vor Ort, über 3,5 Millionen Österreicher fieberten vor dem Fernseher mit. Die Alpenrepublik als große Ski-Nation? Der Schein trügt. Zumindest, wenn es um die eigenen Pistengewohnheiten geht. Nur noch 34 Prozent der heimischen Bevölkerung zählen sich laut einer aktuellen Studie der Consultinggruppe Laurent Vanat zu den Ski- und Snowboardfahrern. In den 1990er-Jahren waren es noch mehr als 50 Prozent.

Leerer Skilift.
Rückläufige Zahlen: Immer weniger Österreicher zieht es zum Skifahren in die Berge.

Konkrete Pläne von Türkis-Grün

Türkis-Grün will diesen negativen Trend stoppen. Das geht aus dem Anfang Jänner veröffentlichten Regierungsprogramm hervor. Seite 61 wartet mit einer präzisen Ankündigung auf: In der Ober- und Unterstufe sollen mindestens je zwei Sportwochen her, wobei eine davon dem Wintersport gewidmet sein muss. Verpflichtende Wintersportwochen gibt es in Österreich seit 1996 nicht mehr. Die damalige Abschaffung ist laut Freizeitforscher Peter Zellmann der Hauptgrund für den zahlenmäßigen Rückgang der skifahrenden Österreicher. Zellmann, der Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung, sagt gegenüber dem Standard: „Wir haben den Kindern seit den 90er-Jahren nicht mehr so selbstverständlich Skifahren gelernt, wie das eben früher der Fall war. Man hat den Kindern in den Ballungszentren einfach die Freude daran genommen. Und jetzt haben wir die erste Eltern-Generation, die nicht mehr Skifahren gelernt hat. Das ist der emotionale Ausstieg.“

Die HAK Villach führt ihre Wintersportwochen freiwillig durch.

Fragezeichen hinter Finanzierung

Zusätzlich zum emotionalen Ausstieg des Nachwuchses scheiterten Schulskikurse in den letzten Jahren vielerorts auch an den gestiegenen Preisen. Zwischen 260 und 340 Euro betragen die Kosten pro Schüler und Woche in der Steiermark, sagt die dortige Bildungsdirektorin Elisabeth Meixner in einem Pressegespräch. Für einkommensschwache Eltern sei das trotz Förderungen von Seiten der Länder (bis zu 180 Euro) oftmals zu viel Geld. Vor der Wiedereinführung von verpflichtenden Kursen müssen weitere Schritte zur finanziellen Unterstützung gesetzt werden. Die Vorbereitungen dazu werden „einige Zeit dauern“, verrät die Nationalratsabgeordnete Eva Blimlinger im Kurier. Sie hat für die Grünen den Sport-Programmpunkt mitverhandelt. Dass dieser noch vor dem kommenden Schuljahr umgesetzt wird, ist unwahrscheinlich.

Wintersportwoche ohne Berge

Aufs Ski- und Snowboarden werden Wintersportwochen in Zukunft wohl nicht beschränkt sein. Blimlinger spricht etwa von der Möglichkeit für Wiener Schulen, eine „Eislauf- oder Eishockey-Woche“ in der Bundeshauptstadt durchzuführen. Schon jetzt erfreuen sich Alternativprogramme immer größerer Beliebtheit. Am Beispiel der Neuen Mittelschule Wieselburg wird das besonders deutlich: Bei der Wintersportwoche vor rund einer Woche waren nur 16 von 43 Schüler fürs Skifahren angemeldet. „Für die anderen stand alternativ Rodeln, Eislaufen und Langlaufen am Programm“, gibt die Pädagogin Susanne Koppatz gegenüber den Niederösterreichischen Nachrichten bekannt. Das lag laut ihr auch daran, dass  „wir sehr viele Schüler mit Migrationshintergrund haben, für die der Skisport eher fremd ist.“

Langläufer auf Loipe
Wintersportwochen beinhalten auch Alternativprogramme wie Langlaufen.

Laut Statistik Austria machte Österreich in der letzten Saison 14,1 Milliarden Euro Umsatz durch Wintertourismus. Den Großteil davon spülten Gäste aus Deutschland und den Niederlanden in die Kassen. Sie sorgten für 26,9 bzw. 6,3  Millionen Nächtigungen. Im Vergleich dazu gingen nur 5,9 Millionen Nächtigungen auf die Kappe von Österreichern. Dementsprechend groß ist das Interesse der heimischen Wirtschaft an verpflichtenden Wintersportwochen. „Die Schüler von heute sind unsere Gäste von morgen“, stellte die Wirtschaftskammer Österreich schon vor rund zehn Jahren in einer Aussendung fest.

Links:

Studie Laurent Vanat
Regierungsprogramm
Artikel des Standard
Artikel des Kurier
Artikel der NÖN