Yung Hurn, wieso?

Er ist Österreichs Enfant terrible des Hip-Hop und polarisiert mit seinen Texten wie kein anderer. Cloud Rapper Yung Hurn präsentierte am 22. Dezember im ausverkauften Wiener Gasometer sein neues Album „Y“ – inklusive viel kritisierter Textzeilen, nacktem Oberkörper und Oma Ewa.

Yung Hurn – mit bürgerlichem Namen Julian Sellmeister – ist in Wien Donaustadt aufgewachsen. Die Liebe zu seiner Heimat zelebriert er regelgerecht. Immer wieder widmet ihr der Künstler schwärmerische Zeilen in seinen Songs; hat die Postleitzahl sogar groß auf dem Bauch tätowiert. Auch sein erstes Studioalbum „1220“, das auf Platz 2 der österreichischen Singlecharts einstieg, benannte er nach dem Bezirk über der Donau. Mittlerweile lebt der 24-Jährige in Berlin und hat auch die dortige Hip-Hop-Szene erobert. Nirgends wird er aber weiterhin so gefeiert, wie in seiner Heimatstadt. Beim Heimspiel zwei Tage vor Weihnachten, gibt sich der Cloud Rapper nun erneut in einem prallgefüllten Gasometer die Ehre.

Graffiti in Yung Hurn’s Heimatbezirk Donaustadt. ©Valerie Heine

Moshpits mit Elternbetreuung

Weiße Sneakers, Ellesse-Hoodies und mit Eddingstiften bemalte Gesichter dominieren das Bild in der Halle. Der vorherrschende Kleidungsstil zeugt von einer „Wurschtigkeit“, die sich auch den Songs des Künstlers widerspiegelt. In Liedern wie „Ok cool“ oder „GGGut“ besingt Yung Hurn, der sich selber als „Süßgott“ bezeichnet, den Freiheitsgeist einer Generation.

Von diesen Hits der ersten Stunde ist aber in der aktuellen Set List wenig zu finden. Sie werden, wenn überhaupt, nur kurz angespielt. Besucherin Carla glaubt den Grund für die Song-Auswahl zu kennen: „Die neuen Sachen sind eben nicer.“ Carla ist 14 und wird von ihrem Vater begleitet. Der hält sich im Hintergrund und lässt Moshpits und Marihuana-Geruch kommentarlos über sich ergehen. Er ist nicht das einzige Elternteil im Publikum. Der Altersdurchschnitt ist heute deutlich niedriger, als bei den Konzerten im Vorjahr.

Mit nacktem Oberkörper präsentiert sich Y. Hurn seinen Fans im Gasometer. ©Valerie Heine

„Wisch weg, weil da klebt was“

Was den Gig zu einem Großteil ausmacht, sind Songs der aktuellen EP „Y“, die der Wahl-Berliner im November 2019 veröffentlichte. Ganz vorne mit dabei: die Single „Pony“, die auf Spotify auf Platz 1 der aktuell meistgestreamten Songs des Künstlers aufscheint und auch live deutlich besser besser ankommt, als Klassiker wie „Blumé“. Das neue Album stößt aber nicht nur auf Zuspruch. Während auf der Vorgänger-CD noch explizite aber wertschätzende Dinge wie „Pussy so nice, leck sie wie Eis, oh Baby, du schmeckst so gut“ zu hören waren, finden sich auf „Y“ jetzt Textzeilen wie „Kleine Bitch ist mein Pony“ oder „Sie hat Wichse auf ihr’m Gesicht, sie braucht Zewa“. Nicht nur Fans fragen sich in Anbetracht dieser Veränderung „Y. Hurn, wieso?“, wie es in dessen gleichnamigen Song aus 2018 heißt.

Der Journalist Christian Schachinger beanstandete etwa in seiner Albumkritik die sexistischen Texte und den musikalischen Qualitätsverlust des neuen Albums. Yung Hurn stimmt auf „Y“ aber nicht nur mysogyne, sondern auch rassistische Töne an. Im Track „Rauch“ heißt es etwa „Asia-Bitch heißt Ling-Ling.“ – ein Aspekt, den Georg Zsifkovits im Futter der Kleinen Zeitung aufgreift und zugleich die Frage in den Raum wirft, ob solche Textzeilen noch ironisch interpretiert werden können oder sollten.

H.C. Strache und das Maschinengewehr

Zwischen den einzelnen Songs interagiert der Künstler immer wieder mit seinem isländischen DJ, der auf einer Art leuchtenden Wolke inmitten der Bühne thront. Mal legt er den Arm um ihn und fragt ihn, was er von H.C. Strache hält, dann greift er selber zum Mischpult und lässt eine Vuvuzela oder ein Maschinengewehr-Geräusch ertönen. Letztes sorgt beim ersten Mal für merkbare Unruhe in der Menge. Besucherin Paula begründet ihre ursprüngliche Besorgnis folgendermaßen: „Im ersten Moment habe ich mich schon sehr erschrocken. Es ist ein riesiges Event. Da denkt man eben sofort an Vorfälle wie den Terroranschlag beim Ariana-Grande-Konzert in Manchester.“ Zu einer Massenpanik kommt es trotzdem nicht – wohl nicht zuletzt aufgrund der anwesenden PolizeibeamtInnen.

Bühnenbild und DJ-Pult sind schlicht gehalten und leben vom Farbspiel. ©Valerie Heine

Gegen Ende des Abends holt Yung Hurn noch seine Großmutter auf die Bühne und fordert das Publikum auf, sie zum 80. Geburtstag zu beglückwünschen. Oma Ewa, die kaum Deutsch versteht, winkt begeistert in die Menge und macht zum Abschluss noch ein Selfie mit dem Enkerl. Schließlich nimmt der „Süßgott“ einen Schluck aus seiner Flasche, spuckt das Wasser in die Menge und stimmt ein letztes Mal „Pony“ an. Zu diesem Zeitpunkt hat Oma Ewa die Bühne aber längst verlassen.