Thonet im Wandel der Zeit

Vor 200 Jahren gründete Michael Thonet das Unternehmen, das für seine Möbel weltbekannt wurde. Zu diesem Anlass präsentiert das Museum für angewandte Kunst (MAK) die Ausstellung „Bugholz, Vielschichtig“. Vom 17. Dezember bis 13. April begeben sich BesucherInnen auf eine Zeitreise durch das moderne Möbeldesign und durchlaufen dabei Thonets Erfolgsgeschichte.

Was darf in keinem Wiener Kaffeehaus fehlen? Kenner würden antworten: Bugholzstühle von Thonet. Anlässlich des 200-jährigen Gründungsjubiläums des weltbekannten Möbelunternehmens präsentiert das Museum für angewandte Kunst (MAK) in der Wiener Innenstadt bis zum 13. April 2020 die Ausstellung „Bugholz, Vielschichtig: Thonet und das moderne Möbeldesign.“ Die von Sebastian Hackenschmidt und Wolfgang Thillmann kuratierte Ausstellung zeichnet die Erfolgsgeschichte Thonets nach und schickt BesucherInnen auf eine Zeitreise durch das moderne Möbeldesign.

Michael Thonet: Möbelpionier und Wahlwiener


In Boppard am Rhein geboren, kam der deutsche Tischler Michael Thonet im Jahr 1841 nach Wien und schuf mit seinen innovativen Bugholzarbeiten eine Marke, die zu einer der größten der Welt avancierte. Erfolgreich war Thonet vor allem deshalb, weil er es erstmals schaffte, Holz schnell und effizient in gebogene Formen zu bringen. Seine Methode bestand darin, Leisten nicht einzeln, sondern als Leistenbündel zu biegen. Diese erhitzte er in einem Leim-Bad und presste sie anschließend in einer entsprechenden Form. Ein Konzept, das sich hervorragend für die serielle Herstellung eignete – und damit die Möbelherstellung revolutionierte.

Bugholz, Vielschichtig - Ausstellung im Mak
Geschwungene Podeste leiten BesucherInnen durch den Raum. © MAK/ Georg Mayer

Stühle in ihrer ganzen Vielfalt

Neben ein paar Tische, Liegen und Schränke betrachtet man in der Ausstellung vor allem eines: Stühle. Leicht erhöht thronen sie auf geschwungenen Podesten, die sich wie die Holzstreben eines Thonet-Stuhls durch den Raum winden. Mal kurvig, mal gerade. Von einem Halbkreis in den nächsten. BesucherInnen laufen vor und hinter den Stühlen, und betrachten sie so aus verschiedenen Blickwinkeln. Zu sehen gibt es Esszimmerstühle, Gartenstühle, Armlehnsessel, Bambusmöbel, Kindermöbel und Klappstühle. Klassische stehen neben futuristischen, schlichte neben außergewöhnlichen Stühlen. Die einen sind geformt aus Buche, Mahagoni und Eiche, die anderen aus Plastik, Leder und Stahl. Mehr als 200 Exponate stehen auf den insgesamt 250m langen Erhöhungen. Thonets Werk wird dabei im Kontext von Möbeln gezeigt, die ästhetisch und historisch prägend waren – und bis heute bleiben.

Das Modell Nr. 14 bleibt bis heute ein Klassiker. © MAK/ Georg Mayer

„Wir verschränken hier eigentlich zwei Ausstellungen miteinander“, erklärt der Kurator Hackenschmidt in der „Presse“, „nämlich die Entwicklung und Erfolgsgeschichte nachzuzeichnen, aber auch Thonet in der Designgeschichte zu verorten.“ Die Ausstellung zeige, wie sich die Möbel im Hinblick auf Typologie, Form und Material bis zum heutigen Tag entwickelt haben. Insbesondere künstlerische Werke wie der „Schuhsessel“ von Birgit Jürgenssen oder der Schaukelstuhl „Erlkönig“ stechen aus der Stuhllandschaft hervor. Fehlen darf besonders Thonets weltbekannter Kaffeehaussessel „Nr. 14“ nicht, der bis heute eines der meistverkauften Möbelstücke weltweit bleibt.

Podeste erinnern an Fließbänder

Da die Ausstellungsfläche aus zwei unterschiedlichen Räumen besteht, gestaltete sich die Raumaufteilung durchaus anspruchsvoll. „Wir haben die Podeste 45 Grad zur Ausrichtung der Halle versetzt und dadurch eine alternative Wegführung hergestellt, die die beiden Raumteile verbindet“, erzählt Claudia Cavallar, die die Möbelschau zusammen mit Lukas Lederer gestaltete. Wir wollten, dass man im ersten Moment richtiggehend überwältigt ist von der Vielheit und Vielfältigkeit desselben Objekttyps.“ Inspiriert von Laufstegen und Förderbändern wandelte sich der Ausstellungsraum so zu einer Art Fabrikhalle. Wie BesucherInnen sie durchlaufen, ist ihnen überlassen. Die Ausstellung sei zwar chronologisch angelegt, müsse aber nicht so genutzt werden. „Wie bei einem Album kann ich die Tracks so hören wie von den Musikern konzipiert, als Shuffle oder nur einzelne Tracks“, erklärt Cavallar.

Die Ausstellung ist chronologisch angelegt, kann aber frei durchlaufen werden. © MAK/ Georg Mayer

Möbelstücke als Nostalgieobjekte

Das Publikum der Ausstellung ist bunt gemischt, ältere und junge Paare schlendern durch die Ausstellung. „Am Wochenende ist am meisten los“, erklärt einer der Aufseher. „Unter der Woche hält es sich in Grenzen.“ Viele Besucher durchlaufen nicht nur die Ausstellung, sondern ein Stück weit auch ihre eigene Kindheit. „Viele der Stühle sieht man ja auch heute noch, die werden nicht alt“, meint eine Besucherin. Ein älteres Paar steht schmunzelnd vor „Wassily“, einem von Marcel Breuer entworfenen, mit Leder bespanntem Stahlrohrgestell. „Unsere Freundin hat damals immer gefragt: ‚Das soll ein Stuhl sein?‘“, erzählen sie lachend.

Auch wenn so mancher Stuhl zum Sitzen einlädt: Probesitzen ist den BesucherInnen nicht gestattet. Als Ersatz stehen am Eingang der Ausstellung Klapphocker bereit, für die Sitzpause zwischendurch. Passend zur Ausstellung setzt man sich so auf einen Stuhl, um andere Stühle anzusehen – Thonet jedenfalls, wäre sicher begeistert gewesen.


„Bugholz, Vielschicht. Thonet und das moderne Möbeldesign“
Ausstellungszeitraum: 17.12.2019 – 13.04.2020
Kuratoren: Sebastian Hackenschmidt und Wolfgang Thillmann
Ausstellungsgestaltung: Claudia Cavallar und Lukas Lederer

Eintritt: Regulär 14€, Gruppen & Ermäßigt 11€

Alle Informationen gibt es auf der Website des MAK.

Titelfoto © MAK/ Georg Mayer