„Dry January“: Greta trinkt nicht mehr

In Österreich gehört Alkohol zur Kultur. Für den Körper bedeutet das enorme Schäden. Deshalb verzichten jetzt im Januar viele Student*innen der Gesundheit zuliebe auf ihr Wochenendsbesäufnis. Zurecht, sagen Expert*innen.

Kein Abendessen ohne Rotwein, kein Netzwerken ohne Auflocker-Aperitif, kein Date ohne Mutmacher-Spritzer und kein Wochenende ohne Tequilashots – wir haben zu jedem Anlass den passenden Alkohol. In Österreich ist Alkohol Kulturgut, der übermäßige Konsum allerdings nicht unproblematisch. Eine Statistik im Handbuch Alkohol-Österreich 2019 schätzt den Alkoholkonsum von 14 Prozent der Österreicher*innen als längerfristig gesundheitsschädigend ein. Aktuell schätzt man, dass 5 Prozent der Bevölkerung alkoholabhängig ist. Das mag sich erst mal nach wenig anhören, doch laut Handbuch leidet jede*r zehnte Österreicher*in irgendwann im Leben unter einer Alkoholabhängigkeit. Mit einem jährlichen Konsum von 11,6 Liter reinem Alkohol pro Kopf ist Österreich laut Initiative der „Österreichischen ARGE Suchtvorbeugung“ unter den Top 15 der am meisten konsumierenden Länder in Europa.

Studierende trinken besonders gern

Die ersten Rauscherfahrungen sammeln Österreicher*innen schon sehr früh. 35 % der befragten 14-Jährigen geben an, schon mindestens einmal einen Vollrausch erlebt zu haben. Legal trinken darf man in Österreich eigentlich erst ab 16. Besonders Student*innen neigen zu starkem Alkoholkonsum und „Binge Drinking“, wie eine Studie an der Wiener FH Campus herausarbeitet. In Österreich ist Alkohol die am häufigsten konsumierte bewusstseinsverändernde Substanz unter Studierenden. Bei einem Drittel der befragten Männer und mehr als einem Fünftel der befragten Frauen gibt es Hinweise auf eine Alkoholabhängigkeit. Und nur weniger als 10 Prozent geben an, im letzten halben Jahr keinen Alkohol getrunken zu haben.

Immer mehr Studierende nehmen sich daher im Januar eine Alkohol-Auszeit und tauschen für einen Monat Bier gegen Leitungswasser. Viele möchten ihrer Gesundheit etwas gutes tun und ihre eigene Ausdauer testen. Außerdem bedeutet Januar auch Prüfungszeit und ohne Kater am Wochenende lernt es sich schließlich leichter. Der sogenannte „Dry January“ , also der Trend einen Monat lang vollkommen „trocken“ zu bleiben, kommt ursprünglich aus Großbritannien. 2014 hat dort eine Wohltätigkeitsorganisation den Aufruf gestartet, bei dem über 17.000 Briten mitgemacht haben sollen.

Positive Effekte schon nach einem Monat

Ob nur ein Monat Verzicht überhaupt etwas bringt, darüber wird aktuell diskutiert. Der deutsche Internist Helmut Seitz (69) zählt zu den bekanntesten Alkoholforscher*innen Deutschlands und kann dem Trend einiges abgewinnen. Im Interview mit dem Spiegel erklärt er, dass man schon nach einem Monat besser schläft und sich insgesamt besser fühlt: „Organe werden entlastet, die Leber wird entfetten und kleiner werden. Auch die Magenschleimhaut wird entspannen, weil weniger Magensäure produziert wird. Die Cholesterinwerte werden sich verbessern, die Harnsäure wird runtergehen. Die Effekte sind messbar und spürbar.“

Außerdem sei das ein idealer Selbsttest, um herauszufinden ob der Verzicht problemlos klappt oder ob man vielleicht doch ein Alkoholproblem hat. Wer einen Monat lang verzichtet, trinke tendenziell auch danach weniger, sagt Seitz. Ein Glas Wein bei der Weihnachtsfeier um die Stimmung zu lockern, das hält der Mediziner für unproblematisch. Doch besonders soziale Trinker*innen unterschätzen die körperlichen Nebenwirkungen wie Magenschleimhautentzündungen, Bluthochdruck oder eine verfettete Leber. „Das Organ, das am empfindlichsten auf Alkohol reagiert, ist die weibliche Brustdrüse. Das wissen die wenigsten. Bei Frauen steigt daher das Risiko für Brustkrebs“, fügt er hinzu.

„Wenn alle besoffen sind, hat man einfach weniger Lust hinzugehen“

Fabian (23) verbringt schon zum zweiten Mal einen abstinenten Januar. Er hat letztes Jahr online über „Dry January“ gelesen und wollte probieren, wie schwer es wirklich ist. „Ich wollte herausfinden, wie sehr ich meinen Alkoholkonsum im Griff habe und welchen Einfluss Alkohol auf mein Leben hat“, erklärt er. Für ihn war der Verzicht bisher überhaupt kein Problem und er ist überzeugt, dass er auch längere Phasen ohne Alkohol durchziehen könnte. Ohne Kater am Wochenende hat er sich auch unter der Woche fitter gefühlt. Beim Feiern ohne Alkohol musste er sich allerdings manchmal blöde Kommentare anhören: „Viele Leute haben sich darüber lustig gemacht. Bei manchen herrschte komplettes Unverständnis, warum ich im Club nichts trinken möchte.“

Greta (24) sind solche Kommentare bisher erspart geblieben. In ihrem Umfeld fasten selber viele und feiern geht sie während ihrem „Dry January“ auch nicht. Nur einmal wollte sie nicht allein zuhause bleiben, da hätte sie dann auch gern ihre Alkohol-Vorsätze über Bord geworfen: „Klar, ich hätte auch ohne zu trinken feiern gehen können, aber wenn alle besoffen sind, hat man einfach weniger Lust hinzugehen.“ Ansonsten fällt es ihr nicht schwer, so kann sie sich auf ihre Prüfungen und die Arbeit konzentrieren. Sie weiß auch, dass es ihr leichter fällt, weil der Verzicht zeitlich begrenzt ist. Aufs Trinken im Februar freut sie sich doch wieder, weil für sie Alkohol viele Aktivitäten einfach lustiger macht. Ihren Konsum hinterfragt sie im Januar dennoch kritisch: „Ich glaube ich war seit meinem 16. Lebensjahr nicht mehr so lange in einem Stück nüchtern, das hat mich extrem schockiert“.

Quellen

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(veröffentlicht am 14.01.2020)