Kafka Reloaded

„Die Schuld ist immer zweifellos“  – so urteilt der Offizier in der Strafkolonie über die Angeklagten. Seit 1919 schockiert und polarisiert Franz Kafkas Erzählung über eine groteske Foltermaschine das Publikum. Das Volx Margareten widmet sich dem Stoff nun in einer neuen Form: Seit 9. Jänner ist In der Strafkolonie als Live-Hörspiel mit musikalischer Untermalung zu sehen. Nicht nur für die Ohren ein Erlebnis. 

„Es ist ein eigentümlicher Apparat…“ – hallt das Echo einer eindringlichen Stimme durch den Saal. Immer wieder wiederholen sich die Worte, bis sie sich zusammen mit Synthesizer-Klängen zu einer Geräuschkulisse verdichtet haben. So beginnt das ca. 70-minütige Live-Hörspiel In der Strafkolonie im Volx Margareten.  Nach Frankenstein ist es bereits das zweite von Kneidl inszenierte Live-Hörspiel im Programm des Volkstheaters. Die Jazz-Musiker Lukas Böck (Schlagzeug) und Robin Gadermaier (Bass) runden den Abend musikalisch ab. So entsteht ein Theatererlebnis, das irgendwo zwischen szenischer Lesung und Rockkonzert anzusiedeln ist.

Schlagzeuger Lukas Böck, Schauspieler Sören Kneidl und Bassist Robin Gadermaier entführen das Publikum in den kafkaesken Albtraum von In der Strafkolonie. © Christine Miess/Volkstheater

Richter und Henker

In der Strafkolonie – Ein Live-Hörspiel basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka. Darin besucht ein europäischer Reisender eine Strafkolonie und wird dort Zeuge einer Hinrichtung.  Der Offizier, der letzte Diener des toten Kommandanten, urteilt über die Gefangenen und vollzieht zugleich die Hinrichtung. Voll Stolz erklärt er dem Reisenden die Funktionsweise eines Folterapparats, den nur er bedienen kann. Die Maschine schreibt den Rechtsspruch mit Nadeln direkt in die Haut, bis der Angeklagte das Urteil an seinen Wunden ablesen kann. Nach 12 Stunden langsamer Tortur erliegt das Opfer schließlich seinen Schmerzen. In der Strafkolonie  ist heute neben dem Prozess eine der bekanntesten Erzählungen Kafkas. Bei der einzigen öffentlichen Lesung im Jahr 1916 waren die Reaktionen aber durchaus negativ. Laut Legende fiel das Publikum bei den Schilderungen reihenweise in Ohnmacht.

Der Mann am Mischpult

Regisseur und Schauspieler Sören Kneidl schlüpft in In der Strafkolonie in die Rolle des Erzählers.  Dabei ist er aber nicht nur Sprecher, sondern vielmehr Tonkünstler – für jede Szene webt er sich einen Klangteppich, auf dem er seine Erzählung aufbaut. Mithilfe eines Mischpults nimmt er verschiedene Soundeffekte live auf und spielt sie im Loop ab. Von Blättern und Ketten über ein Akkordeon bis hin zum Drehsessel wird alles verwendet, was ein interessantes Geräusch erzeugt.  Böck und Gadermeier treiben die Handlung mit musikalischen Intermezzos voran.  „Musik, Geräusche und Stimme sollen sich gegenseitig unterstützen und ineinandergreifen wie Zahnräder, sodass eigentlich eine riesige Klang- und Erzählmaschinerie auf der Bühne zu sehen ist“, erläutert Regisseur Kneidl.

Um- und Verdichtung

An der optimalen Mischung von Stimme, Effekt und Musik arbeitet Kneidl bereits seit Frankenstein – Ein Live-Hörspiel. Die Erzählung von Kafka stellte dabei eine besondere Herausforderung dar. „Kafka zeichnet sich durch unglaublich detailverliebte Beschreibungen aus. Das ist wahnsinnig toll zu lesen, aber relativ unbrauchbar für unser Format“, erklärt  Kneidl.  Gemeinsam mit Dramaturg Michael Isenberg nahm er eine Umstrukturierung des Stoffes vor. „Ein Live-Hörspiel lebt davon, dass verschiedene Situationen und Räume entstehen und ein Performer in unterschiedliche Rollen schlüpfen kann“, sagt Isenberg. So entstand eine Vorgeschichte, die den Weg des Reisenden in die Strafkolonie beschreibt. Dieser führt ihn übers Meer und durch den Dschungel, gespickt mit Traumsequenzen und Flashbacks. Außerdem verleiht Kneidl dem im Original eher passiven Reisenden eine dynamischere Rolle, die es dem Publikum ermöglicht, seine Motivationen kritisch zu hinterfragen.

Szenischer Wechsel mit großem Effekt: Geräuschekulisse und Discokugel simulieren eine Unterwasserwelt. © Christine Miess/Volkstheater

Der (Stimm-)Apparat

Die Komposition aus Erzählung, Effekten und Musik führt schlussendlich zum Höhepunkt des Abends hin: der Beschreibung des Apparates und der Hinrichtung. Hier verlässt sich Kneidl voll und ganz auf die wichtigste Waffe in seinem  Arsenal – seine Stimme.  Während er in die Rolle des fanatischen Offiziers schlüpft, werden Böck und Gadermaier mit ihren Instrumenten zum Apparat selbst. Eine Darbietung, die – im wahrsten Sinne des Wortes – unter die Haut geht.

Sören Kneidl zieht am Höhepunkt des Abends alle schauspielerischen Register. © Christine Miess/Volkstheater

Auf- und Anregend

Ob autobiografisch, soziopolitisch oder psychoanalytisch – die Deutungsansätze für Kafkas Erzählung In der Strafkolonie sind vielschichtig. Die einen fassen den Apparat als Metapher für das menschliche Schicksal auf,  andere sehen in ihm Kafkas Beziehung zum Schreiben selbst widergespiegelt. Isenberg und Kneidl wollen ihrem Publikum keine Interpretation vorschreiben. Dennoch rückt In der Strafkolonie – Ein Live-Hörspiel besonders die Unmündigkeit des Reisenden in den Vordergrund. Er bleibt letztendlich untätiger Zeuge und wird somit in ein diktatorisches System integriert. „Wir haben danach gefragt: Was ist meine Verantwortung angesichts von Ungerechtigkeiten in der Welt?“, betont Dramaturg Michael Isenberg. Regisseur und Darsteller Sören Kneidl ist froh, wenn sein Stück zur Diskussion anregt: „Solange Leute kommen und sich unterhalten fühlen, inspiriert, verärgert oder voll mit Fragen, freuen wir uns sehr. Genug zu streiten gibt es nach unserem Abend auf jeden Fall.“

Für Neugierige bietet ein Videoteaser schon erste Eindrücke:


In der Strafkolonie – Ein Live-Hörspiel wird noch an folgenden Terminen im Volx Margareten gespielt:

22.02.  –  20:00  Uhr

07.03. –  20:00 Uhr

20.03. – 20:00  Uhr

Weitere Termine sind in Planung.

Ticketpreis: 20 €

Titelbild © Christine Miess/Volkstheater