Inszenierte Schweinerein: Muss postdramatisch so?

Theaterskandale sind Oliver Frljić Steckenpferd. Gleichermaßen umstritten und international gefragt, inszeniert der Regisseur im Kasino am Schwarzenbergplatz Heiner Müllers Hamletmaschine. Mit der Premiere am 17.01.2020 bildet das postdramatische Werk den Auftakt der Europamaschine, eine zweimonatige Veranstaltungsreihe des Burgtheaters zur Zukunft Europas. Das Publikum darf sich sicher sein: Es wird politisch.

Erinnerungsfetzen aus rasch gesprochenem Text, Bilder eines vollständig entblößten Körpers und Performance verankern sich nach der Vorstellung im Gedächtnis des Publikums. Von der ersten bis zur letzten Minute inszeniert Oliver Frljić dramatisch. Jedoch nicht im Sinne der klassischen Gliederung: Einleitung, verschärfte Situation, Höhepunkt, Aufschiebung der Katastrophe und Tod, bzw. Problemlösung. Nein, es sind die Formen des postdramatischen Theaters, welche die Hamletmaschine (1977) bestimmen.

Dramatiker Heiner Müller bei einer Demonstration in der DDR. ©Bundesarchiv Deutschland/wikipedia

Der Autor Heiner Müller (1929-1995) wie auch Elfriede Jelinek (*1946) oder Falk Richter (*1969) haben Texte für diese Theaterform geschrieben: Hier gibt es nicht mehr eine Rolle. Dafür eine Fülle an Worten, die sich kritisch mit aktuellen Gesellschaftsthemen auseinandersetzen und Regisseure, die für sinnliche Eindrücke sorgen.

„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen Europas.“ Nichts ahnend nimmt Burgmitglied Branko Samarovski in Pantoffeln und Bademantel sein Publikum mit hinein in das Geschehen aus royal-roter Samtkulisse. Er verkörpert Prinz Hamlet. Noch scheint das Stück greifbar. Es entstand in einer Phase in der Müller eine Übersetzung für William Shakespeares Drama Hamlet tätigte.

Shakespears Hamlet

Im Sinne Shakespears rächt Prinz Hamlet den Mord des eigenen Vaters. Er bezeichnet sich selbst als Maschine. Der Bruder und Mörder des Vaters nimmt die Mutter Hamlets zur Frau. Wie diese hält auch Hamlets Geliebte Ophelia Einzug in das Werk Müllers. Bereits im Fluss ertrunken, kehrt sie als Untote wieder. Zu Lebzeiten verfiel sie dem Wahnsinn, weil sie nicht mit Hamlet zusammen sein konnte.

Branko Samarovski als Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. ©M.Horn/Burgtheater

Hamlet und Ophelia spielt Samarovski. Weiß wie der Bademantel Hamlets ist auch das Kleid Ophelias in dem Samarovski steckt. Verletzliche Stellen im Gesicht, am Hals und an den Handgelenken werden von ihm mit Theaterblut beschmiert. Das Blut tropf auf das Kleid. Gehüllt in die weiß-rote Österreichfahne schreitet Samarovski als Ophelia anmutend von links nach rechts über die Bühne.

Gangbang

„… auf dem leeren Sarg besprang der Mörder die Witwe SOLL ICH DIR HINAUFHELFEN ONKEL MACH DIE BEINE AUF MAMA …“

Die Maschine zieht den Sarg (Marcel Heupermann).               ©M.Horn/Burgtheater

Der Schauspieler Marcel Heupermann wird in der ersten Szene dafür verantwortlich sein, einen Echtholzsarg mit zwei leichten Schnüren auf die Bühne zu ziehen. Währenddessen initiiert die Marta Kizyma ein erstes Wortgefecht.
Samarovski ist bereits abgetreten und macht für zwei weitere Kollegen Platz: Max Gindorff und Annámaria Láng.

Premiere Hamletmaschine am 17. Jänner 2020, Kasino
©M.Horn/Burgtheater

Jetzt heißt es für alle vier: Erst einmal den Sarg öffnen, die lebensechte Silikonsau mit Krone auf den Thron verfrachten und geschwind zum Sarg zurück. Erst Männlein mit Weiblein vor dem Sarg knutschen, Schnitt, dann Weibsbilder Brüste darbieten und Flüssigkeitsaustausch im Sarg andeuten, Schnitt, jetzt Männlein mit Männlein und Weiblein mit Weiblein dabei Hose runterziehen im Sarg Gangbang, Schnitt.

„Jetzt nehm ich dich, meine Mutter …“ (Heupermann) ©M.Horn/Burgtheater

Porno, Radikalität, Theater oder doch nur geträumt? Kaum hat der Zuseher die Szenerie begriffen, ist wildes Kopulieren auch schon wieder vorbei. Vorerst. Denn Láng wird sich im Laufe des Geschehens mit einem Küchenmesser in den Genitalien rumstechen und mit Theaterblut Heimat auf den Oberschenkel schmieren. „Fick dich Österreich“ wird zu hören sein. Am Ende macht sich Heupermann über das Plastikschwein her.

 

„Ein postmoderner Ekel! Wir sind am Ende der Geschichte und das Theater hat es auch mitbekommen“,
sagt der Besucher Konradin
.

Nur Monolog

BLABLA von Marta Kizym, Max Gindorff und Annámaria Láng (v.l.n.r.) ©M.Horn/Burgtheater

Alles ist vom Monolog und männlichen Verhaltensmustern bestimmt. Müller gelang es nicht die Grundwert der DDR aus Gleichheit und Gerechtigkeit zu transportieren: „Es gab da keine Dialoge mehr. Ich habe immer wieder Dialoge angesetzt, es ging nicht, es gab keinen Dialog, nur noch monologische Blöcke, und das Ganze schrumpfte dann zu diesem Text“, sagte einst Müller (Programmheft Hamletmaschine).  Erst Frljić sorgt für einen Bruch, indem er die Schauspieler von sich, über sich und mit dem Publikum sprechen lässt. Doch auch diese Verwirrung ist nur von kurzer Dauer.

Zur Entstehung

Ob Mann ob Frau, ob mehrfach oder einfach besetzt – welche Rolle ein Schauspieler im postdramatischen Theater einnimmt ist unbedeutend. Die unerlässlichen Worte gestalten die Botschaft. „Der Text von Heiner Müller hat eine prismatische Struktur, alles kann mit allem in Verbindung treten, die Worte und Sätze dienen nicht in erster Linie einer fortlaufenden Erzählung“, sagt Frljić (Programmheft Hamletmaschine; Interview mit S. Huber). In seiner Inszenierung arbeitet er viel mit Textwiederholungen. Laut Frljić   biete Müllers Text keine Lösung für gar nichts: „Und das ist wunderschön, darin liegt seine besondere Poesie.“ Dieser Funke geht spätestens dann ins Publikum über, wenn der mittlerweile völlig entblößte Heupermann den Hamlet gibt und den gesamten Text erneut rezitiert. Aus dieser „Maschine“ kommt eine unaufhörliche Redewut, die in den Körper übergeht. Heupermann schwitzt, spuckt, schnauft. Im ersten Teil der Inszenierung treten dem Text Zitate von Viktor Orbán oder Wladimir Putin bei. Eine solche Form der Kulturkritik war zu Zeiten Müllers nicht denkbar, weswegen sein neun Seiten langes Stück in der DDR verboten blieb.

„Mir wird die Mischung aus Gelächter, Ekel
und Arschtritt zum Denken in Erinnerung bleiben“,
sagt die Besucherin Maria.

Das Politische

Gindorff beschmiert Österreich ©M.Horn/Burgtheater

Obwohl sich in 75 Minuten eine Provokation an die nächste reiht, wirken die vollbesetzten Publikumsreihen des Kasinos starr. Selbst beim Fressen des auf A4 gedruckten Porträts des österreichischen Bundeskanzlers herrscht Stille. Als Heupermann dann noch seinen nackten Hintern zum Publikum streckt und sich das Abbild Frljić in den Anus steckt: bis auf verkniffene Grinser keine Reaktion. Ist es berührte Peinlichkeit oder Sprachlosigkeit? Die Inszenierung wirkt durchwegs intellektuell mit vielen Impressionen, deren Impulse unbeantwortet bleiben.

Die Kuratoren der Europamaschine: Oliver Frljić und  Horvat. ©M.R.Cruz/Burgtheater

Antworten geben womöglich die anderen Formate der Europamaschine. Sie wird von Regisseur Frljić sowie dem Philosoph und Aktivis Srećko Horvat kuratiert. Künstler und Publizisten treten in den Dialog über die Emanzipation und Entwicklung Europas. Analysiert wird die vergangenheit und es werden Ideen für die Zukunft entwickelt. Die Veranstaltungsreihe läuft bis 12. März 2020.