Halle, Hanau, Wien? – Radikale Vielfalt am Burgtheater.

Burgtheater, online. Am 9. November findet die Abschlussdiskussion der Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur statt. Zum Gespräch lädt der Kurator des dezentralen Festivals, der Lyriker Max Czollek. Wie umgehen mit der pluralen Gesellschaft eine Woche nach dem Anschlag in Wien?

„Halle, Hanau, Braunau“ hätte die ursprünglich für den 8. November angesetzte finale Veranstaltung der Tage für jüdisch-muslimische Leitkultur (TdJML) heißen sollen, coronabedingt wurde sie verschoben. Die Rede war am 9. November von „Halle, Hanau, Wien“, eine Woche ist seit dem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt vergangen bei dem vier Personen ums Leben kamen und 23 verletzt wurden. Es diskutieren die Philosophin Isolde Charim, die Politologin Naika Foroutan und die Sozialwissenschaftlerin Gudrun Perko. Moderiert wird von Julia Alfandari.

«Faustregel, aber mit Betonung auf Faust»

In einem vorproduzierten Einspieler begrüßt der Autor Max Czollek die Zusehenden, er trägt eine rosa Baseballkappe, neben ihm steht eine Tasse mit der Aufschrift „poetisiert euch“. Die Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur sind eine künstlerische Intervention, zwischen 3. Oktober und 9. November fanden sie dezentral physisch aber auch online im deutschsprachigen Raum statt, zwischen dem Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung und dem 9. November, der Tag an dem sich Pogromnacht und Mauerfall historisch überschneiden.

«Jüdisch-muslimische Leitkultur?» könnten Sie jetzt sagen und meinen, das hätte nichts mit Ihnen zu tun, insbesondere in Wien, was ja häufig sehr weit entfernt scheint von den Debatten und Diskussionen in Deutschland – aber weit gefehlt.

Czolleks Einführung ist stilisiert im Sinne einer Nachrichtensendung. „Jews News Today“ heißt das Format , das Logo erinnert an Russia Today. Die Berliner Museumsinsel ist gebaut auf Dönerspießen, wird in dem satirischen „Fake-News“-Beitrag postuliert, die wären „langlebiger als deutsche Eichen“. Im Gegensatz zu dieser humoristischen Einleitung ist die Diskussion ernst, das Plenum, beziehungsweise der Bildschirm, wird den vier Intellektuellen überlassen.

«Denken ohne Handeln ist wirkungslos und handeln ohne Denken hat keine Orientierung»

Schickt Max Czollek dem Gespräch voraus.

«Aus der Bubble in die Charts»

In Frankreich wird ein Lehrer enthauptet, man spricht vom politischen Islam, es ist eine Woche nach dem Anschlag in Wien, bei dem vier Personen ermordet wurden und 23 verletzt. In den letzten Tagen sieht man immer wieder Berichte von Übergriffen gegenüber muslimisch oder fremd aussehenden Personen.

Isolde Charim merkt an, zwar bezogen auf deutsches Recht, aber doch ähnlich in Österreich gültig, dass die Gleichberechtigung Paradox ist: Zwar sind vor dem Recht alle gleich, aber die eigene Lebenserfahrung zeigt, dass dem nicht so ist. Als Beispiel nennt sich die Diskriminierungserfahrungen von Migrantinnen und Migranten. Sie spricht von einer Stasis, einer Spaltung der Gesellschaft, die gleichzeitig Aufruhr und Stillstand bedeutet. Wie kommt man da weg? An dieser Frage arbeitet sich das Plenum an diesem Abend ab. Spoiler: Die Lösung geht sich in keinem Küchenzuruf aus.

Radikale Vielfalt

Diverse Lösungsansätze werden im Plenum besprochen, allen voran der Ansatz der radikalen Vielfalt, geprägt vom Berliner Institut für Social Justice und Radical Diversity. Was ist die radikale Vielfalt? Akzeptieren der Tatsache, dass Menschen keine homogene Gruppe sind. Man will weg von der Alltagsdiskriminierung, der individuellen Ebene – Bündnisse schließen („jüdisch-muslimisch“), die Utopie denken. Das sei die Basis einer wehrhaften Demokratie, so die Diskutierenden. Klar ist aber auch: Es geht um einen Pluralismus mit (Bezugs-)rahmen, das Verständnis von Vielfalt ist nicht, „dass alle tun können, was sie wollen“.

Das Gespräch kreist stetig um den Anschlag in Wien. Isolde Charim merkt an, dass nicht mal die konservative ÖVP die Diskussion geführt hätte, dass es sich um einen muslimischen Anschlag auf die christliche Leitkultur handle. Sie bezieht sich auf folgenden Tweet des Bundeskanzlers.

Kurz twitterte am Tag nach dem Anschlag.

Gudrun Perko schickt nach, dass Politiker vielleicht mittlerweile ein „wir dürfen das nicht so sagen“ gelernt haben. Die Diskussion ist vielschichtig, man ist stellenweise ratlos, wie zum Beispiel die medial betitelten Helden von Wien einzuordnen seien.

„Gute“ und „schlechte“ Andere

Zwei Männer haben am Abend des Anschlags in Wien einen Polizisten und später auch eine Passantin in Sicherheit gebracht. Was ist passiert? Zunächst wurden die Videos der Männer als Aufnahmen der Täter in den Sozialen Netzwerken verbreitet, später stellte sich heraus, dass sie Ersthelfer waren. Was folgte? Es waren zwei muslimische Türken, in den Tagen nach dem Anschlag folgte eine kollektive Ratlosigkeit, wie mit den Helden von Wien umzugehen sei, so Isolde Charim. Es gibt eine Sehnsucht nach den „guten Migranten“, auch wenn sich herausstellt, dass „es sich nicht um die optimale Besetzung handelt“. Wegen Verbindungen zu rechtsextremistischen Vereinigungen und einem Telefonat mit Erdogan, der den Helden versicherte, dass „er weiß, es ist schwierig in Wien Muslim zu sein“, so Charim. Die WEGA-Beamten sind die Helden von Wien für die österreichische Bundesregierung. Hat man die zwei muslimischen Männer auch angerufen?

Czollek und seine „Verbündeten“, wie sie im Pressetext genannt werden, sind keine homogene Gruppe, sie sind nicht immer einer Meinung. Was klar ist: Sie arbeiten sich seit Jahren an Fragestellungen ab, die wegen schrecklichen Anlässen jetzt auch in der Mitte der Gesellschaft diskutiert werden. Bis vor wenigen Wochen konnte man diese Diskussion noch als einschlägig links-linke Abarbeitung abtun, jetzt ist sie in der konservativen Mitte der Gesellschaft angekommen. „Wie kann ein Zusammenleben gelingen?“, heißt es in der Presseaussendung des Burgtheaters.

Ambivalenzen Ertragen

Moderatorin Julia Alfandari wirft die Frage nach einer Lösung in den virtuellen Raum. Und genau das ist vielleicht das Problem – die Wirklichkeit ist komplex, niemand ist nur „gut“ und nur „schlecht“. Wer verdient es „Held“ zu sein und wer verdient das Label „Opfer“ – in Hanau wurden im Februar neun Personen erschossen, eine davon war Mitglied der grauen Wölfe, einer rechtsextremen türkisch-nationalistischen Gruppierung – mindern diese Zugehörigkeiten die Solidarität beziehungsweise das Heldentum?

Ohne mit den Texten Czolleks oder der ironischen Idee hinter den Tagen der jüdisch-muslimischen Leitkultur (TdJML) vertraut zu sein, erschließt sich einem nicht viel an diesem Abend. Die Diskussion ist komplex, eine Wortschlacht mit ideologischen Begriffen wie „pluralistisch“, „Hegemonie“ oder „postmigrantisch“ hinter denen im einschlägigen Diskurs sehr konkrete Ideen stehen. Witz und Ironie gehen auf, wenn man Insider ist, am Besten hat man auch den Anschlag von Wien noch minutiös im Gedächtnis. Was kann man mitnehmen von diesem Abend?

Czollek hat im letzten Akt noch einen Zoom-Aufgang. Er bedankt sich bei den Mitwirkenden vor und hinter den Kulissen, er nennt die Website und das Archiv der TdJML als Mittel gegen die Einsamkeit der kommenden Monate. Und er appelliert: Es ist kein Zufall, dass der 9. November als Datum für die Abschlussveranstaltung gewählt wurde. Die Lehre aus der Geschichte sei, dass es keine sicherere Gesellschaft brauche, sondern eine andere. Es brauche politische Konzepte, die der existierenden Vielfalt in der Bevölkerung gerecht werden und dafür kann das Theater in seiner Vielschichtigkeit ein Vorbild sein.

„Gedenken werden abgesagt und Nazis dürfen weiter marschieren“, es brauche nicht mehr „nationale Einheit gegen Nationalsozialismus“. Diese Gesellschaft, die will Czollek nicht, die Geschichte hat auch gezeigt, dass es auch anders geht.

Czollek twittert am Tag der Veranstaltung.

Was heißt radikale Vielfalt in Wien 2020? Der ORF kündigt die Veranstaltung auf der Volksgruppen-Seite an („weirde URL“ – merkt Czollek auf Twitter an), im Gegensatz zum „normalen“ Kulturteil. Der Name der Moderatorin ist in der Aussendung des Burgtheaters falsch geschrieben. Handeln ohne Denken hat keine Orientierung.


Das Event zum Nachschauen:



Links:

Isolde Charims Buch Ich und die Anderen. Wie der neue Pluralismus uns alle verändert erschien 2018 im Zsolany Verlag.
Naika Foroutans Buch Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie erschien 2019 im transcript Verlag.
Gudrun Perko ist Mitbegründerin und Co-Leiterin des Instituts für Social Justice und Radical Diversity in Berlin.

Julia Y. Alfandarie ist Programmkoordinatorin von Dagesh – Jüdische Kunst im Kontext.

Max Czolleks Essays Desintegriert Euch! und Gegenwartsbewältigung erschienen im Hanser Verlag, er kuratierte das Projekt Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur.

(c) Titelgrafik von den Tagen der jüdisch-muslimischen Leitkultur.