Oh, du lieber Augustin!

Die COVID-19 Krise trifft von Armut Betroffene ganz besonders hart. Auch die Straßenzeitung „Augustin“ bleibt von der Pandemie nicht verschont. Für die rund 350 KolporteurInnen ist der Alltag nicht leicht, doch im Lockdown werden sie erst recht auf die Probe gestellt. Ausgerechnet dieses Jahr, in dem das 25. Jubiläum ansteht, gibt es nichts zu feiern.

Schon Ende 2019, vor der Pandemie, stand es um die Zeitung eher schlecht. Der Auflagenverkauf ging stark zurück und man stand kurz vor dem Aus. Im März wurde man vor eine neue Herausforderung gestellt – das Virus. Auf Anfrage, erteilte die Regierung eine Genehmigung für das weitere Augustin-Verkaufen , auch im Lockdown. „Der Krisenstab des Gesundheitsministeriums hat uns unter bestimmten Sicherheitsauflagen diese Genehmigung erteilt. Mit ihr gibt es aktuell halbwegs eine Sicherheit.“, so die Augustin-Redaktion. „Halbwegs“ deswegen, weil die Behörden trotz der Verkaufsgenehmigung VerkäuferInnen verwiesen, sie mit der Androhung von Strafen eingeschüchtert und tatsächlich auch Strafen verhängt hätten. Nach Einspruch seien fünf davon wieder aufgehoben worden. Mittlerweile, im zweiten Lockdown, sei von solchen Angelegenheiten nichts mehr zu hören.

Benannt nach dem Wiener Stadtsänger Marx Augustin (Der liebe Augustin), ist der Augustin ein im Jahr 1995 gegründetes Sozial und – Medienprojekt. Die Zeitung wird von Obdachlosen, Armen, AsylwerberInnen und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossenen Menschen auf der Straße verkauft. Diese bekommen die Hälfte des Verkaufspreises. Der Rest geht an die SozialarbeiterInnen vom Augustin. An seinem Höhepunkt, im Jahr 2007 verkaufte der Augustin um die 30.000, mittlerweile sind es nur mehr 18.000 Stück pro Ausgabe. Die 100-prozentige Eigenfinanzierung ist Vorraussetzung für die Unabhängigkeit des Projekts.

(c) Thomas Kriebaum

Erster vs. zweiter Lockdown

Im Frühjahr war der Rückgang der Auflage dramatisch und die einzelnen VerkäuferInnen hatten kaum noch Einkünfte aus dem Zeitungsverkauf. Der Verein „Augustin“ musste neue Wege finden, den Einnahmeausfall abzufedern. Als Alternative begann man mit dem Vertrieb über vorübergehende Print-Abos, Online-Abos und durch Kleinunternehmen etc. Von den vorbestellten 18.000 Stück habe man im ersten Lockdown circa 5.000 real verkauft (zusätzlich 2.000 über Online-Abos). Im jetzigen Lockdown (soft und hard) habe man schon knapp 100% der 15.000 verkauft.

Auch Kolporteur Osahon (Owi) ist sich sicher, dass der zweite Lockdown mit dem ersten nicht zu vergleichen sei. „Im ersten Lockdown waren die Menschen viel ängstlicher und daher überwiegend zu Hause. Das war für mich als Straßenverkäufer natürlich ungünstig. Ich stand Tag für Tag auf der Mariahilferstraße ohne Kundschaft.“  Seine Kollegin Rose gibt an, sie sei Stunden lang da gestanden ohne eine einzige Zeitung zu verkaufen. So hat es Tage gegeben an denen es sich gar nicht gelohnt hat, arbeiten zu gehen. Zusätzlich hätte die Polizei sie täglich nach ihrer Genehmigung gefragt. Wenn sie die nicht zur Hand hatten, mussten sie “verschwinden”. „Diese Lage und das damit verbundene Misstrauen der Polizei war belastend. Jetzt bin ich aber wieder froh hier zu stehen. Auch wenn es immer noch ein tagtäglicher Überlebenskampf ist.“, sagt Rose.

Owi. | Seit Anfang der Krise kann man den Augustin unter anderem durch Crowdfunding und Spenden unterstützen.
(c) Naila Baldwin

Owi verkauft auf der Mariahilfer Straße mit einem Irokesen auf dem Kopf. Hier hören Sie Ausschnitte aus seinem Interview:

Verein Augustin/“Gossi“

Beide fühlen sich von ihrem Arbeitgeber in jeglicher Hinsicht unterstützt und verstanden. Sie werden in Fremdsprachen, schriftlich und mit Audio Nachricht, über Verkaufsberechtigung, Bedingungen, Hygieneanforderungen auf den Plätzen sowie über neue Maßnahmen der Regierung, informiert. Auch werden ausreichend Schutzartikeln wie Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. „Ohne die Gutscheine und Boni hätte ich mir den ersten Lockdown nicht finanzieren können.“, berichtet Rose. Für ihre geplante Heimreise im Jänner erhofft sie sich ebenso Hilfe von „Gossi“ (liebevolle Abkürzung von Augustin, die viele nigerianische KolporteurInnen verwenden).

Die beiden dargestellten KolporteurInnen finden Ihre “Kraft bei Gott”. Durch ihn seien sie immun gegen das Virus.
(c) Naila Baldwin

Rose steht vorm Merkur auf der Mariahilferstraße. Hier hören Sie Ausschnitte aus ihrem Interview:

Finanzieller Druck und Einsamkeit

„Existenzielle Ängste, die viele der VerkäuferInnen betreffen, haben sich durch die Einbußen im Lockdown verstärkt.“, so Augustin-Sozialarbeiter A. Hennefeld. Einige KolporteurInnen sind abgesichert durch Mindestsicherung, Arbeitslosengeld, Pension, Grundversorgung durch Asyl. Doch, durch die Einkommensverluste haben sie in Summe weniger Geld zur Verfügung, etwa auch um ihre Familien in ihren Heimatländern zu unterstützen. Auch der gemeinsame Austausch im „Gossi“- Büro und gemeinsame Aktivitäten, wie Fußball und Tischtennis, fallen derzeit aus. Die KolporteurInnen beklagen sich über die Einsamkeit der Isolation und die fehlende Zugehörigkeit, die jetzt nur noch mehr sichtbar wird. Die Angst vor dem Virus sei bei weitem nicht so groß wie die Angst vor der finanziellen Notlage und der Einsamkeit, so Hennefeld.

Zitat von Augustin-Redakteurin Eva Rohrmoser

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