Corona und die Angst

Die Psyche befindet sich durch COVID19 unter Dauerbelastung. Seit Beginn der Pandemie haben immer mehr Menschen psychische Beschwerden – vor allem Angststörungen werden verstärkt.

Besonders junge Menschen sind psychisch stark von der Pandemie betroffen (c) Juraj Dobrila University Pula

Soziale Isolation, ökonomische Folgen und ein Leben in Unsicherheit. Die Pandemie hat die gewohnten Alltagsstrukturen verändert und damit Ängste geschürt. Eine Risikogruppe, der im Vergleich zu anderen weniger Beachtung geschenkt wird, sind psychisch kranke und instabile Menschen. Dabei steht mit ziemlicher Sicherheit fest: Die langfristigen Folgen der Pandemie werden psychischer Natur sein. Und hier ist das Ausmaß noch nicht abschätzbar.

Dies wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Vor allem Angststörungen wurden coronabedingt intensiviert. „Viele Betroffene suchen sich bei uns Hilfe, die ihren Job verloren haben, die dadurch keine Perspektiven mehr haben und nicht abschätzen können, wann sich alles wieder normalisiert. Gleichzeitig fallen die Möglichkeiten weg, Stress abzubauen“, sagt Johannes Lanzinger, klinischer Psychologe bei Phobius im 6. Bezirk.

Das psychologische Zentrum hat sich auf die Behandlung von Ängsten und Panikattacken fokussiert. Mittels virtueller Realität, kurz VR, stellen sich hier Patienten ihren Ängsten. Viele Menschen hätten durch die anhaltende Pandemie vor allem damit zu kämpfen, ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuhalten. Gerade wenn Angststörungen schon vorhanden sein würden, bestehe die Gefahr, dass sich diese durch Corona noch verstärken. Online-Therapien würden sich derzeit in der Durchführung oft als schwierig gestalten.

Frauen häufiger betroffen

Wie viele Menschen in Österreich an generalisierten Angststörungen, kurz GAS, leiden, lässt sich nicht genau sagen. Eine Anfrage an das Gesundheitsministerium blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Nach Schätzungen der Stadt Wien sind es in Österreich etwa 16 Prozent, die von einer „behandlungsbedürftigen Angstkrankheit“ betroffen sind. Deutlich häufiger sind Frauen von Angststörungen betroffen. Beim anonymen Beratungsservice des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP) waren zwischen März und Juli 68 Prozent der Anruferinnen weiblich, 32 Prozent waren männlich. 16 Prozent der Beratungsgespräche standen dabei in Zusammenhang mit Ängsten.

Junge Erwachsene zeigen besonders hohe Belastung

Eine Studie der Donau-Universität Krems im April belegte einen „Anstieg der psychischen Symptome für Depressionen, Ängste oder Schlafstörungen“. „Zudem hat sich noch gezeigt, dass Personen über 65 Jahren mit Abstand am besten durch die Krise kommen. Junge Erwachsene zeigen seit Beginn der Krise hingegen eine auffallend hohe Belastung“, sagt Studienautor Christoph Pieh. Neue Untersuchungen, die im Juni und September mit denselben Personen durchgeführt wurden, unterschieden sich nicht sonderlich von den Ergebnissen im April. Pieh nennt dies „besorgniserregend, dass ein so großer Teil der Bevölkerung psychisch dermaßen stark und lange belastet ist“.

Rund ein Viertel der Bevölkerung leidet seit Beginn der Pandemie generell unter einer höheren psychischen Belastung. Im Gespräch mit „Leben in Wien“ fordern deshalb viele Therapeuten ein psychologisches Hilfspaket. Auch Lanzinger, der sich eine kostenlose Psychotherapie für Menschen vorstellen könnte, die durch die Pandemie arbeitslos sind. „Es braucht viel mehr Unterstützung für Menschen, die sich sowieso schon in prekären Situationen befinden. Diese erwischt es nun voll. Und da sehe ich eben wenig Unterstützung – weder finanziell noch perspektivisch“, sagt er.