Corona und Psyche: Die Pandemie als Dauerbelastung

Die Pandemie wirkt sich negativ auf die Psyche der Menschen aus, wie eine Studie der Donau-Universität Krems zeigt. Depressionen und Angststörungen haben sich im letzten Jahr verfünffacht. Der 20. November 2020 gilt deshalb erstmalig als Tag der Psychotherapie.

Seit Beginn der Corona-Krise erhält der österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) etwa doppelt so viele Anfragen um therapeutische Hilfe. Eine Studie der Donau-Universität Krems zeigt außerdem einen Anstieg bei psychischen Belastungen im letzten Jahr auf. 2019 litten nur etwa vier Prozent der Bevölkerung an Depressionen. Im April, Juni und September 2020 meldeten bereits rund 20 Prozent der 1.000 Befragten Symptome von Depression. Auch Angststörungen und Schlafprobleme verzeichnen ein ähnliches Wachstum. Besonders gravierend seien die Zahlen derzeit bei Arbeitslosen, wie Peter Stippl, Präsident des ÖBVP, im Gespräch erläutert. Stand September 2020 würden über 70 Prozent der Arbeitslosen an Depressionen leiden. Der ÖBVP ernannte nun den 20. November als Tag der Psychotherapie, und möchte damit Aufmerksamkeit auf die Thematik lenken. Der Verband wolle das Bewusstsein der Menschen stärken, dass psychische Beschwerden keineswegs einfach so hingenommen werden müssen, wie Stippl erklärt.

Psyche im Lockdown

„Gerade jetzt in dieser Situation mit Covid, Terror, dem zweiten Lockdown und sehr viel Verunsicherung ist die psychische Belastung bei Menschen ganz enorm.“, erklärt Stippl. Er vergleicht Corona auch mit einem Gruselfilm, denn darin würde laut Peter Stippl das Monster immer erst in den letzten Minuten des Films gezeigt werden, was die Spannung und auch den Angstfaktor bei Zusehenden erhöhe. „Momentan ist dieser Gegner für uns unsichtbar.“, gibt Stippl zu bedenken. Für viele Menschen sei es schwierig, dass immer noch nicht klar ist, wie die nächsten Monate vonstattengehen würden, ergänzt er. Elisabeth Schwärzler-Seeber, in Vorarlberg praktizierende Psychotherapeutin, zeigt auf, dass auch Kinder und Jugendliche der zweite Lockdown enorm betreffen würde. „Sie spüren die Verunsicherung ihrer Umgebung und die Belastung der Erwachsenen.“, sagt Schwärzler-Seeber.

Person alleine auf Parkbank im Schnee
(c) Magdalena Mösenlechner | Der zweite Lockdown und die Isolation belasten die Menschen erneut psychisch.

Distance Therapie

Distance Therapie per Facetime oder Telefon wird mittlerweile von den Krankenkassen als Therapieform anerkannt. Die Therapiestunden können genauso eingereicht werden, wie bei persönlichem Erscheinen. Diese Entwicklung begrüßt Stippl und findet sie in Zeiten des Abstandhaltens sehr wichtig, selbst wenn Distance Therapie auch ihre Tücken habe. „Der persönliche Bezug fehlt.“, kritisiert auch Elisabeth Schwärzler-Seeber. Das erschwere diese Zeit für Menschen in Therapie momentan zusätzlich.

Person bei Distance Therapie über Laptop
(c) Magdalena Mösenlechner | Psychotherapie über telemedizinische Wege kann wie eine in der Praxis erbrachte Leistung abgerechnet werden.

Auch Christine*, Studentin in Wien, kann so trotz des harten Lockdowns weiter therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Christines Zuhause sei aber leider nicht das richtige Setting für Therapiestunden, denn ihr fehle die Privatsphäre, wie sie erklärt. „Ich wohne mit meinem Partner in einer kleinen Wohnung und musste deshalb schon einmal aufs Badezimmer ausweichen.“, erzählt sie. Dennoch ist Christine froh, dass sie überhaupt die Möglichkeit hat, wie sie ergänzt: „Die Frequenz einzuhalten ist denke ich bei jeder Therapieform sehr wichtig.“

*(Name von der Redaktion geändert)

Wenig Plätze, hohe Kosten

Schwärzler-Seeber kritisiert außerdem die langen Wartezeiten, mit denen Patienten am Beginn einer Behandlung rechnen müssten. Zwischen vier und sechs Wochen seien in Vorarlberg und Tirol ganz normal. Auch findet die Psychotherapeutin den Selbstbehalt bei Therapiekosten zu hoch. Eine Sitzung kostet im Schnitt zwischen 70 und 150 Euro, wovon die Kasse nur 28 Euro übernimmt. In Wien müssen Patienten sogar mit zwei Monaten oder mehr an Wartezeiten rechnen. Der ÖBVP prangert die hohen Kosten und die limitierte Verfügbarkeit ebenfalls an. Mit ihrer Initiative #mehrpsychotherapiejetzt sprechen sie sich für eine Erweiterung der Kassenplätze aus. Derzeit seien diese laut Stippl auf ein bestimmtes Kontingent begrenzt, was er kritisiert. An der Menge an Therapeuten und Therapeutinnen scheitert es nicht, denn im EU-Schnitt liegt Österreich auf Einwohnende gerechnet sehr weit vorne.

„Es geht bei unserer Kampagne grundsätzlich um die Überlegung, dass psychische Krankheiten genauso von der Sozialversicherung behandelt werden, wie physische.“

– Peter Stippl, Präsident des ÖBVP

Bei einem Herzinfarkt werde man ja auch nicht erst nach zwei Monaten behandelt, sondern sofort, wie Stippl anmerkt. Deshalb habe er mit der Gesundheitskasse eine Erhöhung der Kontingente um 30 Prozent ausgehandelt. Bei Covid-bedingten psychischen Belastungen könnten die Kassenplätze auch noch dieses Jahr erweitert werden. Das sei laut Stippl essentiell, besonders da Arbeitslose so stark betroffen seien, wie er anmerkt: „Die Menschen die es sich am wenigsten leisten können, würden’s am meisten brauchen.“

Infobox
  • Corona-Sorgenhotline Wien: 01 / 400 053 000
    (täglich 8 bis 20 Uhr)
  • Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01 / 313 30
    (rund um die Uhr)
  • Telefonseelsorge: 142
    (rund um die Uhr)
  • Rat auf Draht – für Jugendliche und Kinder: 147
    (rund um die Uhr)
  • Psychotherapeut*innen-Suche des ÖBVP