Stofftasche "Diversify your Reading"

Weg mit „toten, weißen Männern“ im Bücherregal

Tolstoi, Homer oder Cervantes erfreuen sich einer großen Leserschaft. Ihre Werke gelten als Literaturklassiker. Die Online-Buchhandlung “bibliobox” möchte den Begriff des Klassikers erweitern und Werke von unterrepräsentierten Schreibenden hervorheben.

Die Wiener Online-Buchhandlung bibliobox wurde im September eröffnet. Der Fokus liegt auf unterrepräsentierten Schreibenden, also vorrangig Menschen, die sich als Schwarz* oder of Color** bezeichnen. Die Gründerin, Arwa Elabd, übernimmt die Auswahl der Bücher, die Organisation, Verpackung und alle anfallenden Tätigkeiten bei bibliobox allein. Daneben arbeitet sie Vollzeit bei der Caritas.

* Dem Glossar für „diskriminierungssensible Sprache“ folgend, wird „Schwarz“ und „Weiß“ in diesem Text großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruierte Zuschreibung handelt und keine biologische Eigenschaft, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb der Gesellschaft gemeint.

** BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) ist eine internationale Selbstbezeichnung von und für Menschen mit Rassismuserfahrungen aufgrund körperlicher oder kultureller Fremdzuschreibungen der Weißen Mehrheitsgesellschaft.

Das bibliobox Konzept

Mit verschiedenen Konzepten werden die Bücher unter die Leute gebracht: Monatlich gibt es drei Themenboxen, welche jeweils ein Buch und Goodies von lokalen Kunstschaffenden und jungen Unternehmen enthalten. Für „Menschen mit Entscheidungsschwierigkeiten“ gibt es die Option auf ein „Blinddate with a book”. Hier wählt man entweder anhand von Stichworten ein Buch aus oder beantwortet ein paar Fragen und überlässt bibliobox die Auswahl. Zudem findet man im Onlineshop eine Reihe an gebrauchten Büchern.  Außerdem werden mit dem Erlös aus dem Verkauf von Postkarten soziale Projekte unterstützt.

Buchbox "bibliobox classic" mit Buch und goodies
© Arwa E. | Bei der Auswahl der Themenboxen greift die Gründerin auf ihre eigenen Lieblingsbücher zurück.

Vorbilder schaffen und Horizonte erweitern

Repräsentation von BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) in der Literatur spielt eine wichtige Rolle, findet Arwa Elabd. Vor allem sei es wichtig, dass nicht nur Bücher über Rassismus- oder Migrationserfahrungen von unterrepräsentierten Schreibenden beachtet werden, sondern auch ganz „normale“ Bücher, in denen Schwarze und People of Color sich selbst und auch Vorbilder finden können. Aus diesem Gedanken entstand bibliobox, erzählt Elabd. Als die ausgebildete Lehrerin nach Abenteuerromanen mit Schwarzen oder PoC-Charakteren für Jugendliche gesucht hatte, fand sie zunächst nur wenige deutschsprachige Bücher dazu. Mit der Online-Buchhandlung soll sich die Suche einfacher gestalten. Darüber hinaus kann Literatur von unterrepräsentierten Schreibenden den Lesenden fremde Kulturen, Traditionen, Religionen und Lebensweisen vermitteln. Ein 25-jähriger Kunde der Buchhandlung meint diesbezüglich: „Mir ist gar nicht bewusst gewesen, dass ich eigentlich nur Bücher von alten, Weißen Männern lese. Bibliobox ist eine gute Anlaufstelle, um Literatur zu finden, die mit fremden Lebensrealitäten konfrontiert und den Horizont erweitert.“

„Challenging the classics“

Als Literaturklassiker bezeichnet man Werke mit überregionaler Bekanntheit, deren Zeitlosigkeit ihrer Themen hohen Einfluss auf die Kultur innehaben. „Warum kennt jeder Goethe und Schiller und warum nicht wichtige Schwarze Autorinnen wie Toni Morrison?“, fragt Arwa Elabd. Welche Werke im kollektiven Gedächtnis erhalten bleiben ist häufig auf historische Strukturen zurückzuführen. Ein weiteres Problem sei, dass der Literaturbetrieb bloß anlassbezogen Stimmen von marginalisierten Menschen hervorhebe. „Literatur von People of Color taucht nur kontextbezogen auf. Etwa wenn gerade Black History Month ist, stellen Buchhandlungen Tische mit Schwarzer Literatur zusammen, um sie kurz darauf wieder abzubauen“, so die Buchhändlerin. „Challenging the classics“ sei eines der erklärten Ziele der Online-Buchhandlung. Sprich, Literatur von unterrepräsentierten Schreibenden zu etablieren und nicht bloß anlassbezogen hervorzukramen.

© Arwa E. | Inspiration für das Konzept „Blinddate with a book“ bekam die Gründerin auf pinterest.

Literaturkanon der Wenigen

Wirft man einen Blick auf Literaturlisten mit den „wichtigsten Büchern der Weltliteratur“ fällt tatsächlich auf: die meisten Autoren auf diesen Listen sind männlich, Weiß und längst tot. Mit der „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ versuchte 1980 eine sechsköpfige Jury, bestehend aus sechs Weißen Männern, einen deutschen Literaturkanon zu definieren. Dabei entstand eine Liste mit 100 Büchern von 98 männlichen Weißen Schriftstellern, einem Autor of Color, sowie einer weiblichen Weißen Schriftstellerin. Als 2001 die Zeitschrift „profil“ 10.000 Österreicherinnen und Österreicher nach den „50 Klassikern fürs Leben“ befragte, befanden sich vier Frauen auf der Liste und mit „Märchen aus 1001 Nacht“ ein einziges Werk nicht-Weißer Urheberschaft. Der deutsche Literaturbetrieb ist nach wie vor wenig divers. Eine deutsche Studie aus 2018 zeigt, dass männliche Autoren und Kritiker den literarischen Rezensionsbetrieb dominieren und am liebsten Werke anderer (überwiegend Weißer) Männer rezensieren.

Beitragsbild | © Arwa E.