Ein echter Wiener geht nicht unter

Die Straßenzeitung Augustin kämpfte während der Corona-Pandemie 2020 mit erschwerten Verkaufsbedingungen und finanziellen Herausforderungen. Der Grundstein für die erfolgreiche Bewältigung der Krise wurde bereits 2019 gelegt.

„Wir haben im Moment keine finanziellen Schwierigkeiten. Es wurden von uns viele Maßnahmen gesetzt, um den Auswirkungen der Pandemie entgegenzuwirken“, erzählt Claudia Poppe, Pressesprecherin des Augustins. Am 16. März 2020 wurde in ganz Österreich der Lockdown verhängt. Die Wiener Straßen waren ausgestorben. „Es gab dadurch einen massiven Einbruch bei den Verkaufszahlen, doch wir haben schnell reagiert. Wir starteten sofort eine digitale Version als PDF, wir haben ein Zeitungs-Abo angeboten und innerhalb einer Woche ein Crowdfunding initiiert“, schildert Poppe die Situation zu Beginn der Pandemie. Einige VerkäuferInnen konnten dank der Einrichtung von fixen Standplätzen weiterhin ihrer Arbeit nachgehen.

Der Augustin ist finanziell gut aufgestellt | (c) David Hauschild

Erschwerte Verkaufsbedingungen

Nach dem ersten Lockdown im März und April 2020 wurden auch ab Mitte November 2020 Ausgangsbeschränkungen in Wien verhängt. „Es ist derzeit sehr schwer Zeitungen zu verkaufen, da viel weniger Menschen unterwegs sind als sonst. Jetzt wird es auch noch sehr kalt, das macht das Ganze noch anstrengender“, beschreibt ein Augustin-Verkäufer* seinen Arbeitsalltag. „Ich bin sehr froh über die Hilfsbereitschaft der Menschen in Wien. Viele kaufen eine Zeitung und geben mir mehr als den originalen Verkaufspreis. Das ist für mich eine große Hilfe“, meint er.

*(Name der Redaktion bekannt)

Menschenleerer Bahnhof Hütteldorf im Lockdown – normalerweise ein Verkehrsknotenpunkt für PendlerInnen, WienerInnen und Fußballfans | (c) David Hauschild

Die Zukunft der VerkäuferInnen sei trotz des Rückgangs an Straßenverkäufen gesichert: „Die Hälfte des Crowdfundings ist den VerkäuferInnen zu Gute gekommen. In unserer größten Not haben wir sogar Bargeld an sie ausgegeben, weil die Verluste anders nicht auszugleichen waren. Das war sehr schwer für uns, weil es nicht der Grundidee des Augustins – arbeiten und dafür Geld bekommen – entspricht“, sagt Poppe. Die VerkäuferInnen erhalten, im Rahmen des seit 1995 bestehenden Sozialprojektes, pro Ausgabe 50% des Verkaufserlöses. Die Lösung für dieses Problem sei ganz einfach: „Es müssten eigentlich nur zwei Prozent der Wiener Bevölkerung den Augustin kaufen, dann ließe sich alles ganz hervorragend finanzieren“, erklärt sie.

 Supporters Konferenz – die Rettung der Straßenzeitung

Anfang März 2019 sah die finanzielle Situation der Zeitung noch ganz anders aus. Ein stetiger Rückgang der Verkaufszahlen  machte dem Augustin zu schaffen. Die Supporters Konferenz, ein Zusammentreffen von Unterstützenden der Straßenzeitung, sorgte für die Rettung und bereitete den Augustin auf die Herausforderung der Corona-Pandemie vor. „Man muss das natürlich auch als Multiplikator sehen. Ungefähr 100 Leute haben an der Konferenz teilgenommen und darüber nachgedacht, wie man dafür sorgen kann, dass der Augustin überlebt. Die gehen dann hinaus und verbreiten diese Ideen, das war auch der Gedanke dahinter“, meint Mitorganisatorin Poppe. Aus der Konferenz entstanden  neue Konzepte, wie die Einführung eines E-Papers oder  der Social-Media-Kampagne „Augustin lesen“.

2 Augustin kaufen, 1 verschenken – die Social-Media-Kampagne soll die Verkaufszahlen der Zeitung steigern #augustinlesen |(c) Julia Radlherr

 „Ich halte den Augustin für extrem wichtig, weil er es schafft, Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, zu würdigen und zu ermächtigen“, erzählt Konferenz-Teilnehmerin Barbara Eppensteiner. Sie war auch an der Entwicklung des Erfolgskonzeptes „Augustin lesen“ beteiligt. „Ich finde es wichtig, dass der Augustin als Medium ernst genommen wird. Der Kauf der Zeitung soll nicht nur als Wohltätigkeitsgeste betrachtet werden. Man kauft den Augustin auch, weil man etwas dafür bekommt“, erklärt Eppensteiner die Grundidee des Konzeptes.

Einblicke in die Supporters Konferenz – die rettenden Ideen | (c) Augustin TV

Die zahlreichen Ideen der Konferenz brachten der Zeitung den gewünschten finanziellen Aufschwung, wie Poppe betont: „Dank der neuen Impulse war 2019 ein gutes Jahr. Auch 2020 konnten wir gut starten.“ Der gute Start ins Jahr und die schnellen Reaktionen am Anfang der Corona-Pandemie brachten den Augustin 2020 trotz aller Widrigkeiten finanziell gut durch die Krise. Eine Zusammenlegung von Radio und TV, mit verstärktem Fokus auf Podcasts und kürzeren Videos, soll noch mehr finanziellen Spielraum für die Zukunft schaffen. „Da wird es was frischeres und günstigeres geben. Aber es wäre im Moment auch kein Problem die bestehenden Strukturen zu finanzieren“, so Poppe.