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Digitale Inklusion – Corona sei Dank

Während der coronabedingte Online-Unterricht vielen Studierenden auf die Nerven geht, bedeutet er für andere eine massive Erleichterung. Für Menschen mit Behinderung ist die Umstellung von Präsenzlehre auf Distance Learning ein Schritt in Richtung Inklusion.

„Der Lockdown hat gebracht, wofür wir seit 30 Jahren kämpfen: Lehre unabhängig von Zeit und Raum zu machen“, sagt Prof. Klaus Miesenberger von der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Er ist Vorstand des Instituts „Integriert Studieren“ und forscht zu Inklusion und barrierefreier Software. Die plötzlich flächendeckende Digitalisierung des Studiums habe viele Barrieren abgebaut, sagt Prof. Miesenberger. Studierende mit Behinderung können digitale Inhalte viel besser selbstständig verwenden. Die technischen Programme seien dabei grundsätzlich barrierefrei. Und somit uneingeschränkt bedienbar für Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Aber Behinderung ist nicht gleich Behinderung. Die Bedürfnisse der Studierenden variieren.

Online-Lehre bringt Gleichberechtigung

Menschen, die chronisch krank oder sonst in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, können allein durch Distance Learning verstärkt am Unterricht teilnehmen. „Mir sind jetzt Angebote gemacht worden, die früher undenkbar waren“, sagt die Studentin Alina Reiser*. Die 22-Jährige studiert an der Universität Wien. Sie hat eine Immunerkrankung und kann in der Früh manchmal nicht aufstehen – in ihren Lehrveranstaltungen fehlt sie dann. Bisher musste sich die Studentin persönlich mit den Vortragenden auf Ersatzleistungen einigen. Jetzt kann sie online gleichberechtigt teilhaben.

Klaus Miesenberger ist Vorstand des Institus „Integriert Studieren“ an der JKU in Linz – © K. Miesenberger

Technisch möglich, aber schwierig zu finanzieren

Menschen mit Sehbehinderungen müssen Texte in Form und Farbe individuell anpassen können. Das sei inzwischen kein Problem mehr, sagt Klaus Höckner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Blinde Personen brauchen hingegen Materialien, die vorgelesen oder in Brailleschrift – also Blindenschrift – umgewandelt werden können, erklärt Höckner. Das passiert mit sogenannten Screenreadern und ist technisch leicht umsetzbar. „Vorausgesetzt, es besteht auf der anderen Seite des Bildschirms die Bereitschaft, gewisse Vorkehrungen zu treffen“, ergänzt Höckner. Für Lehrende bedeutet das zum Beispiel, Power Point Präsentationen auf Barrierefreiheit zu überprüfen. Präsentationen müssen so gestaltet sein, dass sie für Screenreader-Programme sinnvoll auslesbar sind. Hier hapert es weniger an der Technik, als vielmehr am Geld. Ein Braille-Display kostet zwischen 3000 und 5000 Euro. Ein solches zu organisieren bedeute noch immer einen „Spießrutenlauf“, erzählt Prof. Miesenberger.

Vanessa Schügerl engagiert sich im Verein österreischischer gehörloser Stududiernder – © Marietta Trendl

Für gehörlose Studierende ändert sich wenig

Für gehörlose oder schwerhörige Menschen bringt die Umstellung auf Distance Learning keine große Veränderung, meint Vanessa Schügerl vom Verein österreichischer gehörloser Studierender. Statt im Hörsaal seien Gebärdendolmetscher und dolmetscherinnen jetzt eben online für Studierende da. Das gelte vor allem für Wien, wo sie zentral über die GESTU-Stelle (Gehörlos und schwerhörig erfolgreich studieren) organisiert sind. Anders sieht die Situation in den Bundesländern aus. Dort müssen sich Studierende selbst um die Dolmetsch-Organisation kümmern, an Fachkräften mangele es grundsätzlich.

Online-Unterricht birgt auch Gefahren

Natürlich kann die Verlagerung der Lehre in den digitalen Raum auch für Menschen mit Behinderung Nachteile bringen. „Wenn man Zuhause eine schwierige Situation hat, oder an einer psychischen Krankheit leidet zum Beispiel“, erklärt Birgit Lang, die Behindertenbeauftragte der Fachhochschule Wien der WKW. Laut einer Studie der Psychologischen Studierendenberatung Innsbruck fühlten sich mehr als ein Drittel der Studierenden im ersten Lockdown psychisch belastet.

Birgit Lang ist Behindertenbeauftragte der FH Wien der WKW – © Marietta Trendl

Barrieren betreffen Tausende

Dazu, wie viele Menschen mit Behinderung österreichweit studieren, gibt es keine eindeutigen Zahlen. Denn niemand müsse sich als behindert deklarieren, erklärt Prof. Miesenberger. In der Studierenden-Sozialerhebung 2019 des Instituts für höhere Studien (IHS) geben 12 Prozent aller Befragten an, eine oder mehrere Behinderungen zu haben, die sich einschränkend auf ihr Studium auswirkt. Hochgerechnet sind das in etwa 36.800 Menschen.

Durch Covid-19 ist außerdem eine neue Gruppe entstanden, für die das Studium nun nicht mehr barrierefrei ist, wenn es in Präsenz stattfindet. Es geht um all jene, die einer Risikogruppe angehören oder deren Angehörige zu einer solchen zählen. Menschen mit Asthma zum Beispiel. „Unsere Anfragen haben sich seit Corona mehr als verdreifacht“, heißt es dazu vom Referat für Barrierefreiheit der Österreichischen Hochschülerschaft.

Was wird bleiben?

Die Frage ist, welche Errungenschaften nach der Corona-Krise bleiben werden. Denn selbst im Oktober – nach einem Sommersemester Distance Learning und vor dem erneuten Lockdown im November – haben an der Universität Wien manche Vortragende ausschließlich Präsenzlehre angeboten. Anwesenheitspflicht inklusive. „Für mich hat das bedeutet, mich zwischen Leben und Studieren entscheiden zu müssen“, erzählt Alina Reiser. Da habe sie sich das erste Mal in ihrem Leben wirklich diskriminiert gefühlt, sagt sie.

Prof. Miesenberger ist jedoch zuversichtlich, dass sich die Situation verbessern wird. „Dass es technisch möglich ist, wurde jetzt bewiesen“, sagt er. Und auch Vorwände bezüglich Urheberrechts möchte er nicht mehr gelten lassen, denn dies sei kein digitales Problem. „Wir können es uns heute nicht mehr leisten, Menschen von Lehrveranstaltungen auszuschließen, nur weil sie nicht an einen bestimmten Ort kommen können – wir verlieren viel zu viele Talente“, sagt Prof. Miesenberger. Man werde Modelle finden, die ein inklusiveres Studieren ermöglichen, ist er überzeugt.

Was es dazu braucht

Um das zu ermöglichen, brauche es etwa verpflichtende Schulungen zum Thema Barrierefreiheit in den Curricula der Universitäten und Fachhochschulen, sagt Höckner. „Zumindest im Fach Informatik muss das ein integraler Bestandteil werden“, sagt er. Es gehe dabei um Bewusstseinsbildung, viele wüssten einfach nicht um die Thematik.

Wobei man an den Universitäten in Bezug auf Inklusion gar nicht so schlecht aufgestellt sei, sagt Prof. Miesenberger. Auf diese müsse man es aber erst einmal schaffen. Die größeren Probleme liegen seiner Ansicht nach in den vorgelagerten Bildungsstufen, die verstärkt in die Pflicht genommen werden sollten.

Behinderung ist kein technisches Problem

Die psycho-soziale Komponente einer Behinderung ändere sich jedoch auch durch technische Möglichkeiten nicht, sagt Prof. Miesenberger. „Das, was die Allgemeinheit jetzt erlebt, den Mangel an Kontakt und sozialer Nähe, ist eigentlich genau das, was wir als soziale Behinderung bezeichnen“, sagt er. Menschen mit Behinderung erleben das jeden Tag. „Und während wir nach Ende des Lockdowns wieder gemeinsam, unmittelbar kommunizieren, interagieren, und uns austauschen können, werden Menschen mit Behinderung wieder ihre Probleme haben, Barrieren und Ausgrenzung spüren.“

*Name von der Redaktion geändert

Veröffentlichkeitsdatum: 3. 12. 2020