Bananen auf Doughnuts - Symbolbild für Sex bzw. Orgasmen

Orgasm-Gap: Die Ungerechtigkeit beim Orgasmus

Frauen kommen bei heterosexuellem Sex deutlich seltener zum Orgasmus als Männer. Bei Masturbation gibt es diesen Unterschied nicht, genauso wenig bei homosexuellem Sex. Woher der Gap beim Heterosex kommt – und wie man ihn schließen kann.

95 Prozent aller Männer kommen bei heterosexuellem Sex regelmäßig zum Orgasmus. Bei Frauen sind es um 30 Prozent weniger. Das haben Studien wiederholt gezeigt. Diese Differenz wird als Orgasm-Gap bezeichnet, zu Deutsch Orgasmuslücke – angelehnt an den Begriff des Gender-Pay-Gaps. Bei gleichgeschlechtlichem Sex und Masturbation schließt sich diese Lücke beinahe. Männer und Frauen kommen dabei im Schnitt gleich oft. Das Patriarchat, die falsche Technik oder mangelnde Aufklärung – SexualforscherInnen haben mehrere Erklärungen dafür, woher der Gap beim Heterosex kommt.

Männliche Sichtweisen prägen weibliche Sexualität

„Das Patriarchat steht über allem. Dadurch wird Sexualität in ganz vielen Bereichen durch die männliche Sicht geprägt“, sagt Julia Henchen. Sie ist selbstständige Sexualpädagogin und betreibt eine Praxis für psychosoziale Beratung in Tiefenbronn. Für sie sind patriarchale Gesellschaftsstrukturen einer der Hauptgründe für den Gap. Das sehe man beispielsweise in den Mainstreammedien oder der Pornografie. Der Fokus liegt dabei häufig allein auf dem männlichen Höhepunkt. Das zeigt auch eine Studie, die im Journal of Sex Research erschienen ist: In den 50 meistgesehenen Videos auf der Pornoseite „Pornhub“ werden 78 Prozent der Männer explizit beim Orgasmus gezeigt, aber nur rund 18 Prozent der Frauen. Dadurch entstünden viele falsche Narrative über Sexualität, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hätten: „Ein bisschen Vorspiel, dann kommt die Frau, wenn’s klappt, sonst halt nicht. Dann geht’s weiter zum Mann. Wenn der fertig ist, ist der Sex vorbei“, sagt Henchen. Diese Vorstellungen von Sex würden meist allein durch den Blick eines Mannes definiert. Deshalb sollten sie dringend hinterfragt werden.

Julia Henchen ist psychosoziale Beraterin und Sexualpädagogin. Auf Instagram betreibt sie den Aufklärungskanal „Lustfaktor“– © Judith Steinkellner

Manuelle Stimulation, Oralsex und Kommunikation erhöhen Orgasmushäufigkeit

Viele SexualforscherInnen erklären den Gap auch durch den häufigen Fokus auf rein penetrativen Sex. Allein dadurch kommen viele Frauen aber nicht zum Höhepunkt. „70 bis 80 Prozent der Frauen benötigen eine direkte Stimulation der Klitoris. Heißt: mit der Hand direkt auf die Vulva“, sagt Julia Henchen. Auch Oralsex oder ausgiebiges Küssen während des Sex erhöhen Studien zufolge die Orgasmushäufigkeit heterosexueller Frauen. Ein entscheidender Punkt ist auch die Kommunikation zwischen den Sexualpartnern. Frauen, die ihre sexuellen Wünsche und Interessen äußern, kommen gemäß Studien häufiger zum Orgasmus. „Es kann sehr sinnvoll sein, das Wissen, das man sich über das eigene Genital angeeignet hat, dem anderen weiterzugeben“, sagt auch Henchen.

Sexuelle Aufklärung muss (weibliche) Lust thematisieren

Als weitere Ursache für den Orgasm-Gap benennt Henchen Unwissenheit und mangelnde Aufklärung. Diese müsse auf gesamtgesellschaftlicher Ebene passieren, beginnend bei der Sozialisierung. „Es fängt schon von klein auf an. Wenn Jungs sich am Penis rumspielen, ist das witzig. Bei Mädels ist es ein Das-macht-man-Nicht. Menschen mit einer Vulva bauen dadurch einen ganz anderen Bezug zum Körper auf“, sagt Henchen. Dadurch würde die Sexualität von Mädchen und Frauen von Beginn an mit Scham besetzt. Auch die schulische Aufklärung könne dazu einen Beitrag leisten. Bisher beschränke sie sich meist auf eine bloße Verhütungs- und Fortpflanzungsaufklärung. Aspekte der Lust würden dabei weitgehend ausgeklammert. „Es muss in den Schulen eine sexpositive Aufklärung geben: weg von diesem angstbesetzten ‚Pass bloß auf, dass du nicht schwanger wirst!‘ und ‚Das erste Mal tut weh!‘“, sagt Henchen.

Anatomische Abbildung einer Klitoris. Zum Großteil liegt sie im Körperinneren – © Judith Steinkellner

Anatomie der Klitoris zu wenig bekannt

Außerdem wüssten viele nicht ausreichend über die weibliche Anatomie Bescheid, sagt Henchen. Das ist nicht zuletzt der wissenschaftlichen Forschung geschuldet. Erst vor wenigen Jahren wurde die Klitoris eingehend erforscht. Sie ist das weibliche Pendant zum Penis und dient der sexuellen Erregung der Frau. Was viele nicht wissen: Sie ist viel größer als die äußerlich sichtbare Klitorisperle oder Eichel, auf die sie in anatomischen Abbildungen oft reduziert wird. Im Schnitt wird sie zehn Zentimeter lang und erreicht damit die Größe eines Durchschnittspenis.

Sex muss sich nicht nur um Orgasmus drehen

Beim Sex müsse sich nicht alles um den Orgasmus drehen. „Sex kann auch ohne toll sein“, sagt Henchen. Trotzdem sei der Orgasm-Gap ein Problem. Dieses kann aber bekämpft werden: auf gesamtgesellschaftlicher Ebene und durch die richtige Technik. Denn: „Orgasmen kann man lernen. Und das kann auch Spaß machen“, sagt Julia Henchen.

Anmerkungen
Am 21. Dezember ist der Welttag des Orgasmus. Er wurde 2006 von einer kalifornischen Friedensbewegung ins Leben gerufen. 

Wenn in den genannten Orgasmusstudien und im Artikel von Männern und Frauen die Rede ist, sind damit Cis-Männer und Cis-Frauen gemeint. Das bedeutet Männer und Frauen, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Nicht alle Menschen passen in ein solches binäres Geschlechtersystem. Nichtbinäre und intergeschlechtliche Menschen sowie Transpersonen werden dadurch ausgeblendet. Über diese Menschen und den Orgasm-Gap gibt es jedoch noch keine eigenen Studien.

Titelbild: © Deon Black on LetsTalkSex
Veröffentlichungsdatum: 21. Dezember 2020