E-RASMUS – Auslandsaufenthalt vom Sofa aus

Last-Minute Trips, Kulturaustausch und viele neue Freundschaften – so sehen die Erwartungen vieler Studierender an das Erasmussemester aus. Doch was, wenn ein weltweites Virus dieses Bild bricht? Eine positive Erfahrung ist trotz Corona möglich.

Erst letzte Woche wurde das Budget für die nächsten sieben Jahre des Erasmus+ Programms von der Europäischen Kommission beschlossen. Bereits 10 Millionen junge Europäerinnen und Europäer profitierten in den letzten 30 Jahren von dem Mobilitätsprogramm, das ermöglicht, gefördert im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr. Selbst im Wintersemester 2020 schreckten viele von einem Auslandsaufenthalt nicht zurück. An der FH Wien der WKW gab es sogar mehr Anmeldungen als jemals zuvor. Ein europaweites Resümee wird man erst im Laufe des Jahres ziehen können. Doch wie beurteilen Betroffene ein Erasmussemester in Zeiten von Corona? Vier Studierende erzählen von ihren Erlebnissen.

Mehr Tiefgang dank Corona

Im Sommersemester 2020 traten viele Studierende mit Erwartungen an ein normales Erasmussemester ihre Reise an. Nach einigen Wochen mussten sie sich aber die Frage stellen: Heimfliegen oder dableiben? Kiki aus den Niederlanden entschied sich zu bleiben. Mit neun weiteren Mitbewohnern aus ihrem Wohnheim verbrachte sie den Lockdown in Wien. Corona habe ihr Erasmussemester besser gemacht. Statt andere Länder erkundete sie Österreich genauer und schätzte das Land mehr. Statt vielen flüchtigen Bekanntschaften fand sie enge Freunde in ihrem Wohnheim. „Sie sind meine zweite Familie in Österreich gewesen, wir mussten füreinander da sein, weil wir sonst niemanden hatten.“ Für Kiki war es die beste Zeit ihres Lebens. Egal ob Pandemie oder nicht – in ihren Augen sollte jeder Erasmus machen.

Kiki hat ihr Semester trotz Corona sehr genossen – vor allem weil sie Österreich genauer erkunden konnte. (c) Kiki Poortier
Ausnahmezustand in Madrid

Während die Pandemie in Österreich im März noch relativ unter Kontrolle war, stieß Spanien schnell an seine Grenzen. John aus Wien hatte einen schönen Start in sein Erasmussemester in Madrid, doch recht schnell spitzten sich die Ereignisse zu. Nach dem Ausbruch des Virus wurde ihm von Seiten der FH Wien der WKW und des OeAD (Österreichischer Austauschdienst) mehrmals empfohlen zurückzukehren. Als dann die meisten seiner Freunde in Madrid den Aufenthalt abgebrochen haben, stand auch für ihn fest heimzufliegen. „Es war kein Zustand mehr in Madrid zu bleiben. Eine Eishalle wurde zu einer Leichenhalle, das System war überfordert“, sagt John. Das Distance Learning lief weiter und die Freundschaften blieben bestehen, auch wenn er die restlichen Monate in seiner Heimat Vorarlberg verbrachte. „Ich habe erstmals seit langem wieder viel Zeit daheim verbracht, was schön war“, sieht er das Positive am Semester.

Ein anderes Stadtgefühl

Im Wintersemester hingegen entschieden sich viele Studierende trotz Pandemie bewusst für einen Erasmusaufenthalt in Wien. Einer davon war Milan, Informatikstudent aus Berlin. „Mir war bewusst, dass es viele Beschränkungen in Wien geben wird, aber das in einer fremden Stadt zu erleben ist noch immer interessanter als zuhause“, sagt er. Seine Zeit in Österreich zu genießen fiel ihm nicht schwer. Vor allem die ersten zwei Monate konnte er die Stadt ohne Tourismus erkunden und Wien von einer ruhigeren und authentischeren Seite kennenlernen. Auch wenn der zweite Lockdown ernüchternd für ihn war, hat er sich entschieden, seinen Aufenthalt zu verlängern – und damit ein bisschen mehr Erasmusgefühl zu erleben.

Die Stadt ohne Tourismus hat Milan dazu veranlasst, noch ein Semester in Wien zu bleiben- (c) @milvnt (Instagram)
Angepasste Erwartungen

Rund 100 Incomings, so nennt man Erasmusstudierende, die nach Österreich kommen, planen derzeit ihr Sommersemester an der FH Wien der WKW. Anders als in den vorherigen Semestern werden sowohl die Welcome Week, als auch die ersten Lehrveranstaltungen ausschließlich online stattfinden. Wichtig für die Studierenden ist der soziale Kontakt, der jetzt wegfällt. „Durch das Virus wird es nicht so leicht, Anschluss zu finden wie sonst. Vor allem in einem fremden Land mit einem weiteren möglichen Lockdown habe ich Angst, mich eher alleine zu fühlen.“, sagt Jane aus den Niederlanden.

Hinzu kommen viele Planungshürden rund um den Aufenthalt. Einreisebestimmungen, Quarantäne und Mietvertragsstornierungen können die Vorfreude dämmen. Für Jane ist aber klar, dass sie diese Herausforderung annehmen möchte. Ihre Vorsätze ihre Sprachskills zu verbessern, in die österreichische Kultur einzutauchen und sich mehr zu trauen, sind auch trotz Corona möglich.

Die helfende Hand im Ausland

Students helping Students ist der Leitsatz des europaweiten Erasmus Student Networks (ESN), das Incomings die Möglichkeit bietet, sich zu vernetzen und die Kultur kennenzulernen. Durch die Pandemie wurden auch diese Angebote auf online umgestellt. Als Herausforderungen für ESN nennt Elena Kleinhofer, President von ESN FH Wien der WKW, dass die Incomings wenig erreichbar sind und das Erasmusgefühl, wie sie es sonst kenne, nicht aufkommen konnte. Vor allem im Wintersemester war die fehlende Motivation für Online-Events spürbar. Wichtiger als Events sei nun, als helfende Hand zur Seite zu stehen und die Incomings über aktuelle Maßnahmen auf Englisch zu informieren. Auch wenn das kommende Semester noch über den Bildschirm startet, ist Elena zuversichtlich: „Wir hoffen, dass ab April/Mai wieder kleinere Events im Freien möglich sein werden – mit strengen Sicherheitsvorkehrungen natürlich.“ Doch ein „normales“ Erasmussemester prä-covid wird es noch länger nicht geben.

Auf große Treffen aller Incomings musste ESN seit März verzichten. – (c) Erasmus Student Network International
Infobox Erasmus+ Programm
Das Erasmus+ Programm umfasst Auslandsstipendien in allen 27 Mitgliedsstaaten der EU, sowie Island, Norwegen, Serbien, Türkei und Nordmazedonien. Die Förderungshöhe beträgt je nach Land und Art des Programms 380€ bis 580€. Pro Studium können maximal 12 Monate Erasmusförderung beantragt werden. Die beliebtesten Länder Österreichs sind Deutschland, Spanien und Italien.
 
Veröffentlichungsdatum: 15.12.2020