solidarität trotzt krise

Solidarität im Coronatest – Sozialorganisationen und Wissenschaft verzeichneten in den vergangenen Monaten einen Anstieg der Hilfsbereitschaft in Österreich. Durch die Ausgangsbeschränkungen ergaben sich neue Formen der Unterstützungsangebote, zum Beispiel über Internet oder Telefon. Die Coronakrise zeigt, dass gelebte Solidarität nicht zwangsläufig von räumlicher Nähe abhängig ist.

„Falls Sie jemanden brauchen, der für Sie einkaufen geht und andere Dinge erledigt, freuen wir uns, Ihnen helfen zu können!“ Solche und ähnliche Aushänge konnte man in den vergangenen Monaten in vielen Stiegenhäusern sehen – die Bereitschaft, vor allem Ältere und Angehörige der Risikogruppe zu unterstützen, war und ist in der Coronakrise groß.

Starkes Engagement in der Nachbarschaftshilfe

Im Auftrag der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) führten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Sommer Erhebungen durch, um die Auswirkungen der Pandemie auf das individuelle prosoziale Verhalten der Menschen in Österreich zu erfassen. „Die Daten zeigen einen Anstieg von informellen Hilfsleistungen im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Berta Terzieva von der WU. Zu diesen zählen verschiedene privat organisierte Formen von Unterstützung, zum Beispiel Nachbarschaftshilfe. Insgesamt gibt die Hälfte der Befragten an, bekannten oder fremden Menschen in einer Notlage während der Coronakrise geholfen zu haben.

Das Wiener Hilfswerk kann die steigende Bereitschaft zur Nachbarschaftshilfe aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Organisation koordiniert Freiwillige, die für Angehörige von Risikogruppen beispielsweise Einkäufe und andere Besorgungen machen. „Für die Nachbarschaftshilfe des Wiener Hilfswerks haben sich mehr hilfsbereite Menschen gemeldet, als es überhaupt Bedarf gab“, berichtet die Freiwilligenberaterin Sylvia Ehrenreich.

Viele Menschen haben während der Ausgangsbeschränkungen Zettel im Stiegenhaus aufgehängt. Darauf bieten sie Corona-gefährdeten Personen ihre Unterstützung im Alltag an.
Viele Menschen boten Nachbarinnen und Nachbarn ihre Unterstützung im Alltag an. © Katharina Prochart

Mehr Freiwillige für soziale Organisationen

Auch viele andere Organisationen berichten von steigender Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung während der vergangenen Monate . Vor allem zu Beginn der Krise haben sich bei ihnen mehr Freiwillige als in den Jahren davor gemeldet, um sich ehrenamtlich zu engagieren.

Dass die Coronakrise zu einem allgemeinen Anstieg von Solidarität geführt hat, kann Wirtschaftswissenschafterin Terzieva allerdings nicht uneingeschränkt bestätigen. Sie sieht in gewissen Bereichen sogar einen Rückgang von sozialem Engagement. Das sei aber auch auf die Angst vor Ansteckung und die strengen Ausgangsbeschränkungen zurückzuführen.

Aus Sicht der Hilfsorganisationen überwiegt jedenfalls der Eindruck, dass Österreich in der Krise von einer Welle der Solidarität getragen wird.

Neue Herausforderungen für soziale Organisationen

Nicht nur die Einsatzbereitschaft, sondern auch der Hilfsbedarf war in den vergangenen Monaten groß. Neben neuen Herausforderungen haben sich durch die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen auch bestehende soziale Probleme verschärft. Für die Organisationen stellte dies vor allem am Beginn der Krise eine Herausforderung dar, wie Doris Moravec von der Volkshilfe Wien berichtet: „Im Gegensatz zur großen Fluchtbewegung 2015, wo man wirklich anpackende Hände gebraucht hat, hieß es diesmal: Lieber keinen persönlichen Kontakt! Das war für uns neu, da musste man sich andere Sachen überlegen.“

Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen und Kontaktreduzierungen sind neue Formen der gegenseitigen Unterstützung entstanden, die auch ohne direkten physischen Kontakt auskommen. Viele Organisationen bemühten sich darum, den Austausch zwischen Freiwilligen und unterstützungsbedürftigen Menschen dort, wo es möglich war, aufrechtzuerhalten – über telefonischen oder digitalen Weg.

Digitale Lernunterstützung für Benachteiligte

Ein Problem, das sich durch die Schulschließungen verschärfte, ist die wachsende Bildungsungleichheit. „Homeschooling“ und „Distance Learning“ würden vor allem jenen Kindern und Jugendlichen Schwierigkeiten bereiten, die auch davor schon benachteiligt waren, berichtet Doris Moravec. Die Volkshilfe Wien bemüht sich seit Beginn der Krise darum, freiwillige Helferinnen und Helfer telefonisch oder digital mit den unterstützungsbedürftigen Schülern und Schülerinnen zu verbinden.

An Hilfsbereitschaft mangelte es der Volkshilfe Wien in den vergangenen Monaten nicht, wie Doris Moravec berichtet: „Man kann das Jahr 2020 natürlich nicht über einen Kamm scheren – es gab während der Pandemie unterschiedliche Phasen. Aber gerade in der ersten Monaten haben wir einen starken Willen zum Helfen erlebt. Bei uns meldeten sich mehr Menschen, als wir überhaupt einsetzen konnten“, sagt Doris Moravek.

Plaudern gegen die Einsamkeit

Auch Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Problem, das zwar schon vor der Krise existierte, sich durch diese aber maßgeblich verstärkte. „Es betrifft häufig ältere Frauen, die alleine leben und niemanden zum Reden haben“, sagt Sylvia Ehrenreich. Besuche von Freiwilligen bei älteren Menschen zu Hause oder in Pflegeheimen würden seit Monaten komplett ausfallen, und auch viele andere soziale Projekte und Aktivitäten könnten nicht stattfinden.

Ein Versuch, die Menschen auch während der Ausgangsbeschränkungen zu erreichen, ist das „Plaudernetz“ der Caritas, das redebedürftige Menschen und Ehrenamtliche telefonisch miteinander verbindet. „Das «Plaudernetz» versucht, diese Hilfsangebote und Besuche zu ersetzen“, erklärt Ehrenreich. Seit dem Start der Initiative im April haben sich ca. 3000 Freiwillige gemeldet, um Gespräche mit einsamen Menschen zu führen.

Quelle: Twitter Klaus Schwertner: cariklaus,

Onlineberatung für gewaltbetroffene Frauen

Nicht nur die klassischen Hilfsorganisationen berichten von einem hohen Maß an Solidarität in der Krise. Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) berichtet: „Unglaublich viele Frauen – aber auch vier Männer – haben sich bei uns gemeldet, um sich zu beteiligen. Die meisten Interessierten waren jung – zwischen 24 und 30 Jahren, aber auch einige Ältere waren dabei.“

Die steigende Zahl von freiwilligen Helferinnen ermöglichte die Aufstockung des Beratungsangebotes „HelpChat“, einer kostenlosen und anonymen Plattform für gewaltgefährdete Frauen. „Ich habe alleine beim HelpChat 15 Frauen eingeschult, darunter viele Studierende“, sagt Maria Rösslhumer. Durch die vielen Freiwilligen sei es möglich gewesen, den „HelpChat“ statt einmal pro Woche nun täglich zur Verfügung zu stellen. Für gefährdete Frauen ist die erweiterte Onlineberatung vor allem während der Krise wichtig – durch die Ausgangsbeschränkungen ist es schwieriger geworden, Gewalttätern aus dem Weg zu gehen oder mit Beratungsstellen diskret telefonieren zu können.

HelpChat - ein Onlineangebot für gewaltbetroffene Frauen
Der Ausbau der Onlineplattform „HelpChat“ ermöglicht die tägliche Beratung von gewaltbetroffenen Frauen – kostenlos und anonym. © Katharina Prochart

Freiwillige nach wie vor gesucht

Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser freut sich nach wie vor über neue freiwillige Helferinnen und Helfer, für die Teilnahme am Plaudernetz kann man sich online als Plauderpartner bzw. -partnerin registrieren. Auch die Volkshilfe Wien sucht auch aktuell noch nach Freiwilligen für digitale Lernhilfe oder diverse Online-Freizeitaktivitäten. Wer Lust auf soziales Engagement bekommen hat und die Zeit zu Hause sinnvoll nutzen will, kann sich direkt bei den Sozialorganisationen melden – welcher Tag würde sich dafür besser eignen als der heutige internationale Tag der Solidarität?

Infobox: 

Plaudernetz: www.fuereinand.at/plaudernetz/ - telefonisch unter: 05 1776 100

Volkshilfe Wien: Email an freiwillig@volkshilfe-wien.at

HelpChat: www.haltdergewalt.at

Veröffentlichkeitsdatum: 20. Dezember 2020