Clubhouse: Verbindungsdaten sind das neue Gold

Datensammler im Goldrausch. Gerade schießt eine neue App durch die Decke, die über einen Marketingstreich weltweite Netzwerkdaten sammelt. IT-Experten ärgern sich über die unsichtbare Täuschung durch Hightech-Unternehmen. 

Der Hype um eine neue App lässt europäische Datenschutzexperten Alarm schlagen. Clubhouse ist eine interaktive audio-basierte Social-Media-App, mit der Benutzer rund um die Welt in Echtzeit an Online-Podiumsdiskussion teilnehmen können. Sie wird bereits als heißer Konkurrent zu Facebook und Co. gehandelt. Die Nutzerzahlen stiegen innerhalb der letzten 6 Tage täglich um das Dreifache an. Mit dabei sind Berühmtheiten wie Oprah Winfrey oder Thomas Gottschalk. Seit 17. Jänner befindet sich Clubhouse unter den Top 3 der beliebtesten Apps im Appstore.

Der neue Silicon Valley Star kreierte das rasante Wachstum mithilfe eines ausgeklügelten Marketingstreichs. Im Club kann nur dabei sein, wer von einem seiner Telefonkontakte eingeladen wird. Diese künstliche Verknappung steigert einerseits die Beliebtheit, andererseits bietet sie eine effiziente Gelegenheit für Unternehmen an wertvolle Netzwerkinformationen heranzukommen. Clubhouse fordert seine Nutzer auf, die Kontakte seines lokalen Telefonadressbuchs preiszugeben und einzuladen. Unter dem Namen der Kontakte, die noch nicht Mitglied der App sind, wird daraufhin angezeigt, wie viele weitere Clubhouse-Verbindungen bereits zu dieser Nummer führen. Es wurden also bereits die Vernetzungsdaten über die Telefonnummern ausgewertet. Für europäische Datenschutz-Verhältnisse ist diese Daten-Sammelwut sehr brisant.

Clubhouse kann Personen bereits zuordnen, ohne dass sie die App installiert haben © Daniela Schmidt

Verbindungsdaten sind das neue Gold

Warum gerade die Verbindungsdaten Unternehmen so interessieren, erklärt Professor für Wirtschaftsinformatik der WU Wien, Rony G. Flatscher: „Es gibt statistische Auswertungen und Datenbestände, anhand derer man mit einer sehr hohen Treffsicherheit Schlüsse ziehen kann.“ Wenn die Menschen bestimmte Personen kontaktieren oder mit ihnen im Datenaustausch stehen, sind sie damit auch derselben Profilgruppe zuordenbar. Tauscht sich Person A innerhalb einer bestimmten Personengruppe X aus, ist die Wahrscheinlichkeit ähnlicher Interessen und Weltanschauungen sehr hoch. Über diese Datenauswertung können Unternehmen sehr effizient bestimmen, wer die Person ist und was sie als nächstes vorhat, ohne sie individuell zu analysieren. Dazu zählen nicht nur Schlussfolgerungen, welche Produkte sie als nächstes potenziell kauft, sondern auch ob die Person zahlungsfähig oder vertrauenswürdig ist, bis hin zu ihren politischen Einstellungen. Nicht zuletzt wurde durch den Cambridge-Analytica-Skandal bekannt, dass diese Daten zur Beeinflussung von politischen Wahlen missbraucht werden (können).

Prof. Rony G. Flatscher, Institut für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft im Gespräch über das unsichtbare Gold © Daniela Schmidt

Täuschung im großen Stil

Für Flatscher ist die Auswertung dieser Datenbestände Täuschung im großem Stil. Die Unternehmen der Apps würden untereinander kooperieren und Technologien in rasantem Tempo weiterentwickeln. „Das ist ein Netzwerk von Spitzelfirmen. Laufend werden immer genauere Daten gesammelt. Es ist nicht notwendig für Firmen, dass sie tatsächlich über uns individuell personenbezogene Daten in dieser Weise sammeln.“, warnt Flatscher.

Die Flugpreisgestaltung ist ein klassisches Beispiel, in welchem Profildaten benutzt werden, um die Zahlungsbereitschaft der Kunden auszuschöpfen. „Die Menschen haben den Nachteil, dass sie gar nicht mitbekommen, wenn sie über den Tisch gezogen werden“, sagt Flatscher. Ganz nach dem psychologischen Prinzip, was man nicht weiß, macht einen nicht heiß, sei es kaum möglich diese subtilen Vorgänge als Einzelperson zu erfassen. Im Beispiel der Flugpreise könne man die unterschiedlichen Ticketpreise nur dann feststellen, wenn zufällig ein Freund oder eine Freundin, die sich in einem anderen Datenprofil befindet, zur selben Zeit denselben Flug zu einem anderen Preis bucht. Nach Flatscher gehört die Frage nach fairen Preisen viel stärker diskutiert.

Kein Gefühl für faire Preise 

Wir würden in einer Zeit leben, in der Preise für Dinge okay sind, die eigentlich keinen Wert besitzen. Der Musik-Streaming-Anbieter Spotify beispielsweise erzielte im dritten Quartal 2020 weltweit einen Umsatz von rund 1,73 Milliarden Euro. Dabei bietet das Unternehmen nur eine Plattform an, von der aus Lieder und Podcasts über einen Klick konsumiert werden können. Die KünstlerInnen selbst verdienen pro Klick erschreckend wenig. Pro gestreamtem Lied erhalten sie etwa 0,5 Cent. Da stelle sich die Frage, welcher Wert eigentlich fair ist, betont Flatscher: „Diese Streamingdienste nehmen den Herstellern, den Urhebern die Butter vom Brot. Nur weil es von der Software her möglich ist. Niemand hinterfragt, ob das gerecht ist.“ Wären manche Preise fairer reguliert, wäre die Datenauswertung für Unternehmen möglicherweise weniger relevant. 

Für Flatscher ist klar, dass er Firmen wie Facebook und Co. solange boykottiert, bis er die Möglichkeit hat, die Daten, die mit ihm verlinkt sind einzusehen und jederzeit ohne Back-up zu löschen.

Recht auf Privatsphäre

Die europäische Datenschutzgrundverordnung regelt bereits einige wichtige Punkte. Allerdings sei hier „(…) noch weit Luft nach oben“, erklärt Iwona Laub, eine Sprecherin der Bürgerrechtsorganisation epicenter.work. „In einem idealen Datenschutz-Gesetz sollte sichergestellt sein, dass bestimmte Daten gar nicht gesammelt werden dürfen, dass das Datensammeln generell auf ein Minimum reduziert wird und dass der Datensammler eine Rechtfertigungs- und Offenlegungspflicht für die Verwendung der Daten hat.“ Zudem müsse es möglich sein, als Betroffener Rechtsmittel auf unkomplizierte Art und Weise zu ergreifen. Gut wäre auch, wenn der Datensammler dazu verpflichtet ist, den Missbrauch von Daten (egal ob durch Dritte oder durch eigene MitarbeiterInnen etc.) umgehend zu melden.

Laub unterstreicht: „Wichtig ist es, den Menschen immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, was mit ihren Daten alles passieren kann. Viele sind leider der Ansicht, dass sie „nichts zu verbergen“ haben. Doch auch, wenn man nichts zu verbergen hat, hat man das Recht auf eine Privatsphäre.“ Das Problem liegt in der Unmöglichkeit für den Einzelnen, die Situation zu überblicken.

Die Bürgerrechtsorganisation epicenter.works informiert und berät

Was man selbst tun kann 

  • Vereine wie epicenter.work oder Nyob setzen sich legistisch für das Selbstbestimmungsrecht der persönlichen Daten ein. Unterstützen kann man sie, indem man ihre Inhalte auf Social Media teilt und zumindest im eigenen Umfeld für das Thema sensibilisiert. Es gibt zudem immer wieder Petitionen und europäische Initiativen, die an oberster Stelle für mehr Datenschutz lobbyieren. 
  • Unterschätzt wird oft die Datenschutzgrundverordnung, von der jeder Gebrauch machen kann. Nach Art. 15 Abs. 1 der DSGVO hat jeder Nutzer ein Auskunftsrecht auf die ihn betreffenden gespeicherten Daten. Man kann jedes Unternehmen per Mail auffordern, einem mitzuteilen, welche Daten über einen gesammelt wurden. Sie müssen antworten. Wenn sie es nicht tun, kann man sich juristisch oder mithilfe von Vereinen dagegen wehren. 
  • Zu guter Letzt hilft es auch, auf datenschutzfreundlichere Alternativen umzusteigen (z. B. Signal) und seine eigenen sozialen Kontakte dorthin zu bewegen. Scheinbar eine wirkungsvolle Methode, wie im aktuellen Fall von Whatsapp deutlich wurde. Nach den Medienberichten über die Änderungen der AGBs wechselten so viele Whatsapp-Nutzer zum Konkurrenten Signal, dass das Unternehmen die geplanten Änderungen um drei Monate verschob. 

Bei Apps wie Clubhouse sollte jeder zweimal überlegen, ob er sich selbst zur digitalen Ware machen will. Datenschutz- und persönlichkeitsrechtsbewusste Internetuser verzichten besser auf die Installation von Apps wie Clubhouse. Zumal es noch nicht einmal eine eingebaute Funktion zur Account-Löschung gibt. Dazu muss eine Mail an support@joinclubhouse.com gesendet werden.

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