Corona-Impfung: Ein Faktencheck zu Langzeitfolgen und Risiken

Nach Monaten in der Pandemiebekämpfung zeigt sich: nur durch eine flächendeckende Impfung können wir unsere gewohnte Normalität wieder zurückerlangen. Zwei Impfstoffe wurden bereits zugelassen, doch viele Menschen sind verunsichert, besonders betreffend möglicher Langzeitfolgen. Reinhard Würzner, medizinischer Mikrobiologe und Impfexperte, und Petra Falb, Gutachterin in der Zulassung von Impfstoffen, klären auf, wie die beiden Impfstoffe funktionieren.

Die neuartige mRNA-Impfung

Die meisten Impfungen funktionierten bisher so, dass aus dem Virus herausgearbeitete Proteine gespritzt wurden und der Körper dann dagegen Immunzellen und Antikörper aufbaute. Die in der EU bereits zugelassenen Corona-Impfungen von Biontech/Pfizer und Moderna sind jedoch mRNA-Impfstoffe. Medizinischer Mikrobiologe und Impf-Experte Reinhard Würzner von der Medizinischen Universität Innsbruck erklärt, wie die neuartige Methode funktioniert: „Bei mRNA werden nicht die Eiweiße selbst geimpft, sondern der Bauplan für diese Eiweiße. Die Körperzellen bauen dann selbst aus Aminosäuren Eiweiße auf, die dem Virus entsprechen. Das Immunsystem lernt daran und baut Antikörper auf.“ Würzner führt weiter aus, dass die mRNA außerdem nur wenige Stunden im Körper verbleibe, bis sie vollständig abgebaut sei. Zurückbleiben würden nur die körpereigenen Eiweiße, und spätestens nach einem Monat sei nichts mehr vom Impfstoff übrig, wie er ergänzt.

Spritze und FFP2 Maske auf Arbeitsfläche
(c) Magdalena Mösenlechner | Die beiden bereits zugelassenen Impfstoffe in der EU sind neuartige mRNA-Impfungen.

Nebenwirkungen und Impfreaktionen

Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen Impfreaktionen und Nebenwirkungen. „Impfreaktionen kommen sehr schnell, wie etwa eine Rötung am Arm, Fieber und Kopfschmerzen. Die sind aber meistens am nächsten Tag weg.“, erläutert Würzner. Dabei handelt es sich um die normale Immunantwort des Körpers. Nebenwirkungen hingegen seien meist eher auf die Zusatzstoffe in Impfungen zurückzuführen, wie der Mikrobiologe erklärt. Deshalb seien bei den beiden mRNA-Impfstoffen auch keine Nebenwirkungen zu erwarten, da der Impfstoff stattdessen in Lipid-Nanopartikel gehüllt ist. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Art Mantel aus Fettsäuren, der eher keine Nebenwirkungen auslösen solle, wie Würzner betont.

Langzeitfolgen und ihr irreführender Name

Ein viel diskutiertes Thema bei den Impfungen gegen Covid-19 sind die Langzeitfolgen. Normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffes mehrere Jahre, weshalb sich viele Menschen fragen, ob die Corona-Impfungen tatsächlich lange genug getestet wurden. Petra Falb, Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe beim österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, räumt auf ihrem medial gepriesenen Blog mit Mythen um Langzeitfolgen auf. Denn Impfstoffe hätten laut Falb eine ganz andere Wirkungsweise, als „klassische Pharmazeutika“, wie zum Beispiel Antibiotika. Schon aus rein biologischen Gründen wären „Spätnebenwirkungen“ sehr unwahrscheinlich, wie sie ergänzt.

„Wenn etwas passiert, dann sollte es relativ bald passieren.“

– Reinhard Würzner

Laut dem Impfexperten könne man Langzeitfolgen zwar nicht ausschließen, aber eine neue Nebenwirkung könne nur schwer entstehen, Monate nachdem der Impfstoff bereits vollständig abgebaut ist.

Pfleger mit Spritze in der Hand.
(c) Magdalena Mösenlechner | „Spätnebenwirkungen“ hält Petra Falb bei Impfstoffen aufgrund ihrer Beschaffenheit generell für unwahrscheinlich.

Ausreichende Testung der Impfstoffe

Aufgrund der Wirkungsweise von Impfungen sind unerwünschte Folgen schon sehr bald, also nach wenigen Stunden oder Tagen, zu erwarten. Falb schreibt, dass Langzeitdaten nicht deshalb nötig seien, weil etwa die Nebenwirkungen noch so spät auftreten könnten, sondern weil es einer gewissen Zeit bedarf viele Menschen zu impfen. Eine größere Menge an Probanden gäbe etwa mehr Auskunft zu möglichen Risiken, als nur eine lange Testzeit. Bei Biontech wurde der Impfstoff an rund 40.000 Menschen erprobt. Das solle laut Falb garantieren, dass auch sehr seltene Nebenwirkungen erkennbar gemacht wurden.

Fallbeispiel Pandemrix

Beim Thema Langzeitfolgen ist der Vergleich mit der Impfung Pandemrix nie weit. 2009 wurde dieser Impfstoff gegen die Schweinegrippe eingesetzt. Etwa einer von 20.000 Geimpften hatte nach der Impfung mit Narkolepsie, der Schlafkrankheit, zu kämpfen. Aber auch hier merkt Petra Falb auf ihrem Blog an, dass diese Nebenwirkungen schon nach wenigen Wochen auftraten. Eine Studie bestätigte, dass mehr als die Hälfte der Erkrankten nur sechs Wochen nach der Impfung Symptome zeigten. Ein längerer Testzeitraum hätte diese Langzeitfolgen nicht aufgezeigt, denn Pandemrix wurde nur an rund 2.000 Menschen getestet. Hier hinkt der Vergleich mit der Corona-Impfung, denn dabei waren die Testgruppen wie erwähnt um ein Zwanzigfaches größer. Das Problem bei dieser Impfung war das Influenzavirus selbst, denn auch die Schweinegrippe konnte das Risiko an Narkolepsie zu erkranken erhöhen.

Person mit Impfpflaster auf der Schulter
(c) Magdalena Mösenlechner | Langzeitfolgen bei Pandemrix weckten Misstrauen in Impfungen. Die beiden Impfstoffe gegen Covid-19 wurden aber an weitaus mehr Personen getestet.

Auch Würzner zeigt sich in Bezug auf Langzeitfolgen bei den derzeit zugelassenen Impfungen gegen Covid-19 optimistisch. Zumal (Stand 21.01.2021) bereits über 46 Millionen Impfstoffdosen verabreicht wurden. „Wenn irgendetwas Gravierendes passieren würde, es gibt genug Journalisten. Die würden das sofort publizieren, und da sind wir auch froh drüber. So wurde auch damals das mit der Narkolepsie schnell bekannt.“, merkt Würzner hierzu an.

Spätfolgen des Coronavirus

Bisher waren aber auch die Langzeitfolgen von Covid-19 selbst noch nicht klar. Eine Studie aus der Stadt Wuhan kann nach einem Jahr Forschung an über 1.700 Betroffenen aber bereits gewisse Ergebnisse zeigen. Über 70 Prozent der im Vorjahr Erkrankten zeigten auch ein halbes Jahr nach der Infektion mit Corona mindestens ein anhaltendes Symptom. Am häufigsten traten Muskelschwäche auf, gefolgt von Schlafstörungen und Depressionen sowie Angststörungen. Über die Hälfte der Erkrankten, die im Krankenhaus beatmet werden mussten, wiesen auch sechs Monate nach der Infektion noch eingeschränkte Lungenfunktionen auf.

„Es ist so, dass wir einen ziemlich genauen Eindruck haben, wie diese Erkrankung wirkt. Gerade bei älteren Menschen, die sehr schwer erkranken und zum hohen Maße sterben.“, merkt auch Würzner an. Hier gilt es die sehr unwahrscheinlichen Langzeitfolgen der Impfung mit den bereits erwiesenen Spätfolgen der Erkrankung abzuwägen.

  • Beitragsbild: Magdalena Mösenlechner