Fellner Lesung vom 25.1.2020

Anleitung zum Boulevard

Die „Fellner Lesung“ ist ein Theaterformat, welches die Medienarbeit von „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner unter die Lupe nimmt. Vorgetragen werden Original-Interviews aus den „Fellner-Medien“. Anhand dieser werden die Werkzeuge des Boulevards und die Verflechtungen von Politik und Medien veranschaulicht.

„Unabhängig, unparteiisch und wirklich kritisch“ – so beschreibt Medienmacher Wolfgang Fellner seine Live-Show. Wie kritisch diese wirklich ist wird bei der Fellner Lesung auf den Prüfstand gestellt. Für die Konzeption der Lesung sind Theaterregisseur Felix Hafner, Dramaturgin Emily Richards und ORF-Redakteurin Anna Wielander verantwortlich. „Interviews und Aussagen, die über den Boulevard getätigt werden, gehen oft an uns vorbei und dienen der kurzen Belustigung“, erklärt Hafner, „uns geht es darum, diese Texte und Inhalte durch Schauspieler*innen neu hörbar zu machen. Damit man bewusst hinterfragt, wie solche Inhalte funktionieren. Was wird gesagt, was wird gefragt und was steckt dahinter?“ Die nächste Lesung soll am 22. April in der Roten Bar im Volkstheater stattfinden, wenn es die Corona-Maßnahmen zulassen.

Erinnerung an ein turbulentes Jahr

Die letzte Fellner Lesung trug den Untertitel „Vielkorruptes Österreich“ und fand im Jänner 2020 im Schikaneder Kino statt. In einem Jahresrückblick schlüpften die Schauspieler*innen Josephine Bloéb, Felix Hafner, Katharina Klar und Lukas Watzl in die Rollen von österreichischen Politiker*innen, welche sich im Vorjahr Fellners Interviews gestellt hatten. Dabei wurden Gespräche zum „Ibizagate“, über die „Schredder-Affäre“ bis hin zum „Gigabyte-Sager“  in Erinnerung gerufen. Mit einfachen Requisiten wie einer Dose Red Bull oder einer grünen Brille und der Imitation der jeweiligen Sprachmelodie verkörperten die Darsteller*innen etwa HC Strache oder Werner Kogler.

Das Publikum reagierte sichtlich amüsiert über besonders irrwitzige Interviewstellen, sodass die Vorlesenden manchmal innehalten mussten, bis sich das Publikum beruhigt hatte. „Nach der Lesung haben mich Leute gefragt, ob wir das alles erfunden haben“, erzählt Wielander, „doch alles wurde Wort für Wort, wie wir es in unserer Lesung vortragen, auch tatsächlich gesagt.“ In der nächsten Lesung am 22. April soll es vorrangig um Wolfgang Fellner selbst und seine Medienstrategien gehen. Die humoristische Komponente soll beibehalten werden.

Lukas Watzl als HC Strache, Red Bull als Requisite. Strache hatte sich bei seinem bekanntermaßen missglückten Deal in Ibiza als „Red Bull brother from Austria“ vorgestellt. | © Marcella Ruiz Cruz

Wolfgang Fellners Werkzeugkoffer

Bei der Vorbereitung für die nächste Lesung orientiert sich das Kollektiv an Fellners „Werkzeugkoffer“. Jedem Werkzeug wird ein besonders exemplarisches Interview zugeordnet, um das System Fellner zu veranschaulichen. Eines der Werkzeuge ist etwa der Voyeurismus. Ein Parade-Beispiel für Voyeurismus sei das „Bambi-Interview“, meint Wielander. In diesem Interview drängte Fellner Nina Bruckner – besser bekannt als „Bambi“ – intime Details zu Richard Lugner preiszugeben.

Zuletzt fiel Fellner aufgrund der Terrorberichterstattung seines Senders OE24 negativ auf. Mehr als 1.500 Beschwerden erreichten den Presserat. Daraufhin diskutierte man in Österreich darüber, wie der Boulevard über derartige Dinge berichtet und ob die Höhe der Medienförderung dafür gerechtfertigt ist. OE24 erhält 2021 die höchste Privatsenderförderung in Österreich. Das wird einer der Aufhänger der nächsten Fellner Lesung sein.

Für die Aufführung im April recherchiert das Kollektiv seit November zum Boulevard, zum Inseratengeschäft, zur staatlichen Medienförderung und zur Person Wolfgang Fellner. Auch Hintergrundgespräche mit Medienexperten, Politikern und ehemaligen Mitarbeiter*innen des Medienmachers wurden geführt.

Die quietschgrüne Sonnenbrille war das Markenzeichen von Vizekanzler Werner Kogler im Wahlkampf 2019. In der Lesung diente sie als simple Requisite, um rasch Rollen zu tauschen. | © Marcella Ruiz Cruz

Von Germany‘s Next Topmodel zu Wolfgang Fellner

Hafner begann bereits vor einigen Jahren mit dem Experiment Originaltexte am Theater zu verwenden und TV-Inhalte auf die Bühne zu bringen. Hier hatte er ein erfolgreiches Format in der Roten Bar im Volkstheater: Eine Lesung des Germany‘s Next Topmodel Finale 2017. Er transkribierte den Abend und ließ ihn von Schauspielerinnen vorlesen. Es stellte sich die Frage, mit welchem TV-Format er weitermachen könnte. Die Idee zur Fellner Lesung kam schließlich durch ein Format bei „Willkommen Österreich“, welches „Fellner! Live“ parodierte. Im Frühjahr 2019 ging die Parodie des „Bambi-Interviews“ viral. Daraufhin sahen Hafner und Wielander sich auch das Original-Interview an und stellten fest: „Die Parodie kann nichts krasser machen als das Original. Das Original ist eigentlich unparodierbar, weil die Realität schon so absurd ist“. So stellte man im Juni 2019 die erste Fellner Lesung auf die Beine.

Updates zur Fellner Lesung gibt es auf Instagram

Beitragsbild | © Marcella Ruiz Cruz